1917-1919 Als der Krieg zu Ende ging

In diesem Kapitel schildert der Autor einige Erlebnisse, Beobachtungen und Erfahrungen in der Zeit ab 1917 bis etwa 1924-1925 (Räte in München, Mord an Eisner) und gibt einen ersten Einblick in die Zeit nach der Machtübernahme durch die Nazis. Die Anmerkungen verantwortet der Herausgeber.

Im Original beginnt der Abschnitt mit der Überschrift (BD-II-294-328):

Über die Straße zur Münchener Zeitung

Damit war wieder eine Periode meines Berufslebens und auch meines Lebens im Allgemeinen abgeschlossen. Ich war jetzt 44 Jahre alt, hatte eine große Familie – mein ältester Sohn ging eben ins Feld – und musste nun neuerdings auf die Suche nach einem für mich passenden Arbeitsplatz gehen. Das fällt einem in solchem Alter und unter solchen Umständen nicht mehr so leicht wie etwa mit 25 Jahren. Die schwere Sorge, die auf mir lastete, trug meine Frau als tapferer Lebenskamerad getreulich mit mir. Aber ich hatte Glück und brauchte nicht lange zu suchen und nicht weit zu gehen. Eines Tages Ende November 1917 rief mich der Direktor Buchner des Münchener Zeitungsverlages[1] telefonisch an: „Ich höre, dass Sie da drüben weggehen. Sie haben mir ja zwar schon etliche Male einen Korb gegeben, aber wir könnten es ja immerhin noch einmal versuchen. Wenn Sie Lust haben, dann besuchen Sie mich doch demnächst einmal.“ Ich erwiderte ihm, Dass es mir an Lust nicht fehlte, wann ich ihn treffen könnte. Darauf er: Wenn es mir recht wäre und ich Zeit hätte, könnte ich gleich kommen. Ich überlegte nicht lange, sondern setzte meinen Hut auf und ging die paar Schritte über die Straße hinüber. In fünf Minuten waren wir einig und die Sache erledigt. Ich war als innenpolitischer Redakteur (mit dem gleichen Gehalt wie bei der Abendzeitung) engagiert, und Buchner legte Wert darauf, dass ich meinen neuen Posten möglichst bald antreten sollte. Da man mir bei der MAA zwar noch nicht formell gekündigt, aber doch insofern den Stuhl vor die Tür gestellt hatte, als man mir nahegelegt, mich sobald als möglich anderweitig umzusehen, so durfte ich annehmen, dass meinem alsbaldigen Weggang auch ohne formelle Kündigung meinerseits ein Hindernis nicht im Wege stünde. Da hatte ich mich indes ein wenig geirrt. Mein Nachfolger in der Hauptschriftleitung, Herr Dr. Möhl, dem es anscheinend nicht passte, dass ich in München blieb und sozusagen bei der Konkurrenz und der wohl auch ein Bisschen darauf spekuliert hatte, bei einem etwaigen Weggang von München mein Nachfolger im Vorsitz des Landesverbandes der Bayerischen Presse zu werden, versuchte nun, mir Schwierigkeiten zu bereiten, indem er verlangte, dass ich meine Kündigungsfrist einhalten müsste.  Den Gefallen tat ich ihm aber nicht, sondern ich ging einfach zu dem Termin, den Buchner und ich miteinander abgemacht hatten, und man ließ mich auch, als es darauf ankam, ungeschoren ziehen. Über das unkollegiale Verhalten des „Kollegen“ Dr. Möhl will ich weiter kein Wort verlieren. Berufsgenossen mögen sich ein Urteil darüber nach Belieben selber bilden.

Als innenpolitischer Redakteur der Münchener Zeitung habe ich dann den Zusammenbruch Deutschlands, die Revolution, die Inflation und die folgenden traurigen Zeiten durchgemacht: Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung! So dachte ich damals und auch noch zu dem Zeitpunkte, da ich dies (Anfang 1938) zuerst niederschrieb. Ich hielt es nicht für möglich, dass Deutschland noch tiefer sinken könnte. Selbst denen, die den ganzen Jammer, das Elend und die Not des deutschen Volkes nach dem Zusammenbruch von 1918 miterlebten und am eigenen Leibe zu fühlen bekamen, erscheint das heute in der Rückschau schon fast unvorstellbar. Und doch war es eine furchtbare und grausame Wirklichkeit, die noch einmal durchmachen zu müssen dem deutschen Volke hoffentlich erspart bleibt.

Diese Sätze habe ich zu Papier gebracht, als noch Niemand in den breiten Schichten des deutschen Volkes und auch in der Partei selbst außer den wissenden und führenden Kreisen an einen neuen Krieg dachte, und nun, in den furchtbaren Maitagen des Jahres 1945, ist auch die darin ausgesprochene Hoffnung wieder zuschanden geworden und Reich und Volk sind in eine Lage gebracht, wie sie trost- und hoffnungsloser nicht einmal nach dem 30jährigen Kriege war. Wir sind Zeugen nicht nur, sondern auch Opfer einer Völkertragödie, die in ihrer vernichtenden Schwere und in ihrem ungeheuerlichen Ausmaße ihresgleichen in der Geschichte sucht. Wie Ausgebombte vor den Trümmern ihrer Behausungen stehen wir vor dem armseligen Trümmerhaufen, der das Deutsche Reich heute geworden ist, dessen Schicksal zu beweinen weder der kleine Rest des Lebens der älteren und ältesten Generation  noch der Tränenstrom unserer Kinder und Kindeskinder hinreichen wird. Das deutsche Volk hat aus den Erfahrungen des ersten Weltkrieges zwar Manches gelernt, aber im Ganzen doch nicht die richtigen Lehren daraus gezogen. Fiel es nach dem ersten Weltkriege in das Extrem der kommunistischen Revolution, so stürzte es sich, nachdem und trotzdem es deren Unsinnigkeit und Gefährlichkeit klar erkannt hatte, in das andere Extrem, nämlich das der sog. deutschen oder nationalsozialistischen Revolution, um auch hier wieder das Opfer nicht so sehr eigentlich der Idee, um die es bei den beiden Extremen ging, als vielmehr des Eigennutzes, der Verlogenheit und Schlechtigkeit ihrer Vertreter und ihrer ausführenden Organe zu werden. Wieder sind nutzlos Ströme deutschen Blutes und ein unvorstellbares Maß von Aufopferungsfähigkeit und gutem Willen eines großen Volkes vertan worden, das so gut wie irgend ein anderes das Recht und den Anspruch darauf gehabt hätte, weiterhin eine selbständige, seinem Fleiß, seinen Fähigkeiten und Begabungen angemessene Rolle in der Geschichte zu spielen.

Doch ich kehre zurück in die Zeit, da ich als innenpolitischer Redakteur der Münchener Zeitung die verhängnisvollen Folgen des ersten Weltkrieges durchzukämpfen und durchzukosten hatte.

Der Schriftleiter, der sein Amt ernst nahm, empfand all das Bittere und Schwere, was das geknechtete und niedergetretene deutsche Volk tragen musste, doppelt und dreifach. Dass der Krieg mit einer Katastrophe für uns enden würde, daran hatte ich ja nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr gezweifelt. Aber als das Verhängnis dann seinen Lauf nahm, war es deswegen nicht weniger drückend und furchtbar, im Gegenteil, gerade der Umstand, dass ich alles kommen sah, vergrößerte und vermehrte mein Entsetzen. Jedoch von den schmerzlichen Zeitläufen abgesehen war es ein angenehmes Arbeiten bei der Münchener Zeitung. Eine vornehme und verständnisvolle Verlagsleitung, wie man sie nicht allzu häufig in Deutschland antraf, dazu ein ausgezeichneter Chefredakteur, der es nie nötig hatte, seinen Kollegen gegenüber den Chefredakteur ostentativ herauszukehren, weil er durch seine Klugheit und sein Können ganz von selbst die Autorität und den Respekt bei Ihnen genoss, die zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit unerlässlich sind, und endlich eine Kollegenschaft, die diesen Namen wirklich verdiente und in der jeder vor der Arbeit und der Leistung der anderen Achtung hatte und sie neidlos anerkannte. Man fühlte sich da sozusagen in einer Familie, in der fester Zusammenhalt und gegenseitiger Verlass war. Dieses schöne Verhältnis erstreckte sich übrigens nicht auf die Redaktion allein, sondern mit Abstand auch auf den ganzen Betrieb und hat diesem in stürmischen Zeiten festen Halt und ein sicheres Fundament gegeben, bis die gewaltsame Stilllegung  des Zeitungsbetriebes durch den Nationalsozialismus  dem ein trauriges Ende bereitete[2].

Für den politischen Redakteur war bei der Münchener Zeitung auch insofern ein erfreuliches Arbeiten, als diese ebenso wie die Augsburger Abendzeitung frei und unabhängig von allen politischen Einflüssen war und so in dem nun mit aller Schärfe einsetzenden Kampf aller gegen alle am Besten für die Ziele wirken konnte, die Verlag und Redaktion als die ihren erkannt und bestimmt hatten: gut deutsch und gut bayerisch, national und vaterländisch! In der Praxis freilich war dies in dem Tohuwabohu der Revolutions- und Inflationszeit nicht immer so leicht und einfach, wie es nach der Zielsetzung scheinen mochte.

Die sog. Huck-Blätter, zu denen – ich möchte sagen erfreulicherweise – auch die Münchener Zeitung gehörte, beliebten früher gewisse politische Kreise und deren Verleger und Redakteure leicht geringschätzig als „Generalanzeiger-Presse“ zu bezeichnen und mit dem Prädikat „charakterlos“ zu beehren. Das hat diesen Blättern aber durchaus nicht geschadet. Denn das zeitungslesende Publikum in seiner Mehrheit bekundete durch Abonnement und Kauf eine andere Meinung über diesen Teil der Presse. Die Leute fanden die „Generalanzeiger-Presse“ durchaus nicht schlecht und sie lehnten die „Parteipresse“ ab, weil sie ihnen zu einseitig, zu fanatisch und zu gehässig war. Mit anderen Worten: Die „Generalanzeiger-Presse“ verdarb den Parteiblättern und damit auch den Parteien selbst das Geschäft, und das ist ein Punkt, in dem diese Herrschaften außerordentlich empfindlich und übelnehmerisch sind. Ich für meinen Teil bin immer der Anschauung gewesen, und je älter ich werde, desto mehr finde ich diese Anschauung als richtig bestätigt, die Anschauung nämlich, dass die sog. Generalanzeiger-Presse dem deutschen Volke vielleicht bessere Dienste geleistet hat als die eingefleischte Parteipresse, die m. E. nicht unbeträchtlich sich mitschuldig gemacht hat an all dem Unglück, das inzwischen über das deutsche Volk gekommen ist. Ich habe mich schon an anderen Stellen meiner Erinnerungen des Näheren hierüber verbreitet. Freilich in Bezug auf Rüpelhaftigkeit des Tones und Gesinnungsvergewaltigung der Leser konnte die Generalanzeiger-Presse es mit den gegnerischen Blättern nicht aufnehmen und sie wollte das auch ganz und gar nicht. Die Münchener Zeitung und die ihr verwandten Blätter hielten es für nützlicher und deshalb für ihre Aufgabe, das deutsche Volk sachlich zu unterrichten und aufzuklären, und haben es darum vermieden, ihre Leser auf eine bestimmte politische Richtung mit den nicht immer sauberen Mitteln und Methoden ihrer Gegner festlegen zu wollen. Wenn man die Dinge so sieht, und m. E. muss man sie, wenn man sie richtig sehen will, so sehen, dann ist die heutige Lizenzpresse[3] auch nichts anderes als eine „Generalanzeiger-Presse“ mit allen Vorzügen und Schwächen. Denn natürlich hatte die „Generalanzeiger-Presse“ auch ihre Schwächen, aber mindestens war sie nicht schlechter und  den Volksinteressen etwa abträglicher als die frühere Parteipresse.

Was nun den Verleger der Münchener Zeitung und der anderen Huck-Blätter anlangt, so kann ich aufgrund meiner 19jährigen Tätigkeit bei der Münchener Zeitung nur sagen, dass Dr. Wolfgang Huck einer der wenigen wirklich einsichstvollen und wirklich sozial gesinnten deutschen Verleger seiner Zeit war. Dass und warum man das leider nicht von allen deutschen Zeitungsverlegern der Zeit zwischen 1895 und 1933 sagen kann, dafür habe ich das mitunter recht unerfreuliche Beweismaterial eingehend und auf das Sorgfältigste in dem umfangreichen XIV. Kapitel meiner Erinnerungen „Kampf- und Notzeiten des deutschen Journalismus“ zusammengetragen. Ich habe die großen führenden und einflussreichen deutschen Zeitungsverleger fast alle in der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Presse persönlich kennen gelernt und mir über ihre Gesinnung in den vielen Verhandlungen des Präsidiums und des Vorstandes dieser Körperschaft ein Urteil bilden können. Herr Dr. Huck ist zwar in diesen Gremien nicht aufgetreten und hat überhaupt nie allzu viel gesprochen. Aber wenn es darauf ankam, erwies er sich immer als ein Verleger von Format und als ein Unternehmer, der seine alten Mitarbeiter nie im Stich ließ, als ein Mann, der das Wort sozial weniger im Munde führte als praktisch betätigte, wenn es nottat.

Zur Münchener Zeitung zurückkehrend möchte ich noch feststellen, dass sie zu den aller ersten gehörte, die für die Einführung des Arbeitsdienstes[4] mit Ausdauer und Nachdruck eintraten schon zu einer Zeit, da es noch keinen Nationalsozialismus gab. Aber die Regierenden jener Zeit von Eisner bis Held brachten kein Verständnis für die Notwendigkeit und Nützlichkeit dieser Sache auf, oder es fehlte ihnen der Mut zur Tat. Sie waren es eben gewohnt, alles nur vom Standpunkt des Nutzens oder Schadens der Partei anzusehen, der sie Amt und Würden verdankten, und übersahen darüber, dass sie mit der Verwirklichung des Arbeitsdienstgedankens dem Nationalsozialismus eine Menge Wind aus den Segeln hätte nehmen können.

Eine der mir unvergesslichen Stunden war die, welche ich am 30. September 1918 im Ministerium des Äußeren am Promenadeplatz zuzubringen die Pflicht hatte. Auf fünf Uhr Nachmittags hatte man uns d. h. eine Anzahl von Landtagsabgeordneten und Presseleuten dorthin bestellt. Es erschienen: der Ministerpräsident v. Dandl, der Innenminister v. Brettreich und der Kriegsminister v. Hellingrath und warfen in die sowieso schwer gedrückte Stimmung die niederschmetternde Mitteilung von der unabwendbar gewordenen Niederlage und der Tatsache, dass Hindenburg und Ludendorff die Einleitung von Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen als unbedingt erforderlich von der Reichsregierung verlangt hätten. Da sah ich manches Auge auch sonst starker Männer in Tränen schwimmen und auch ich selbst war bis ins Innerste erschüttert und schämte mich der nassen Augen nicht. Aber wie schlimm wir uns in diesem Augenblick auch alle die Folgen des verlorenen Krieges vorstellten, so glaube ich doch nicht, dass einer unter uns war, dessen Phantasie das, was dem deutschen Volke bevorstand, in seinem ganzen fürchterlichen Umfang erahnte. Die Minister appellierten zum Schluss an die Presse, dass sie das Volk in den kommenden Wochen aufklären und beruhigen solle. Gegenüber diesem Appell erlaubte ich mir zu bemerken, dass uns das sehr schwer werden würde, da das Volk uns keinen Glauben mehr schenke.

„Es ist ja doch alles verlogen, was in der Zeitung steht“, das bekomme man ja nun seit langem schon landauf landab überall zu hören. Wir hätten den Leuten vier Jahre lang auf Befehl vorgelogen, ihnen alles Ungünstige verschweigen und Manches sagen müssen, woran wir selbst nicht glaubten. Nun sei das Vertrauen des Volkes zur Presse verwirtschaftet, die Leute glaubten uns nichts mehr, auch wenn wir mit Engelszungen redeten, das sei vorbei. Die Minister wollten das nicht gelten lassen, und der Kriegsminister, der nachher während der Revolution sich nicht gerade mit Ruhm bedeckte, kam nach Aufhebung der Sitzung auf mich zu und meinte: „Sie haben ja leider nicht ganz Unrecht, aber ich möchte doch glauben, dass die Presse immer noch sehr viel vermag.“ „Exzellenz, täuschen Sie sich nicht“, erwiderte ich ihm, „mit unserer Macht ist es aus, nicht durch unsere Schuld. Das Volk hat den Glauben an uns verloren und wird ihn so schnell nicht wiedergewinnen.“ Sechs Wochen später hatten wir die Bestätigung.

Wenige Tage vor Ausbruch der Revolution, als schon die Eisner, Schröder und <<fehlt im Skript>> in offenster Weise ihr Unwesen trieben und immer zahlreicher fragwürdige Matrosengestalten in Münchens Straßen und Bierlokalen auftauchten, fand im Ministerium des Innern eine Pressekonferenz statt, bei der Oberregierungsrat Zetlmeyer, der Polizeireferent in diesem Ministerium, über die Lage berichtete. Als aus den Reihen der Pressevertreter heraus auf die immer bedenklicher werdende Situation hingewiesen und die Frage an den Referenten gerichtet wurde, warum denn Seitens der Behörden gegen die offenkundige revolutionäre Agitation nicht durch Festnahme der Hetzer eingeschritten würde, da erklärte der Herr Oberregierungsrat: „Es fehlt uns die Handhabe, wir haben keinen Paragraphen. Sobald wir aber einen haben, werden wir vorgehen.“ Charakteristischer Weise war es ein sozialdemokratischer Kollege, der darauf den Herrn Oberregierungsrat also apostrophierte: „Ja Herr Oberregierungsrat, sind Sie denn sicher, dass Sie, wenn Sie den Paragraphen gefunden haben, noch die Macht besitzen werden, ihn in Anwendung zu bringen?“ Der Herr Oberregierungsrat zuckte nur die Achseln. So sah es daheim bei den maßgebenden Behörden am Schluss des Krieges aus und unmittelbar vor Ausbruch der Revolution, die jeder, der nicht gerade blind oder taub war, mit Totsicherheit herankommen fühlte. Mir hat später im Jahre 1920 der Kölner Oberbürgermeister Adenauer (der heutige erste Kanzler der Bundesrepublik) von einem nicht ganz unähnlichen Vorgang erzählt, der sich in seiner Stadt kurz vor der Revolution abspielte. Dem Oberbürgermeister war gemeldet worden, dass einige hundert revolutionäre Matrosen von Kiel nach Köln unterwegs wären und mit einem bestimmten Zuge dort eintreffen würden. Der Oberbürgermeister ging zum Festungsgouverneur, um mit ihm zu besprechen, was sich tun ließe, um zu verhindern, dass die Meuterer in die Stadt überhaupt hereinkämen. Auf seinen (des Oberbürgermeisters) Vorschlag, einige Stationen vor Köln den Zug zu stellen und die Matrosen herausholen zu lassen, weigerte sich der Gouverneur einzugehen, weil man einen Schnellzug doch nicht so ohne Weiteres anhalten könnte. Und so ließ man die gefährlichen Burschen in aller Seelenruhe in die Stadt kommen und hier ihrem hoch- und landesverräterischen Vorhaben ungehindert nachgehen. In München erzählte man sich übrigens auch eine Geschichte, die, wenn sie richtig wäre – ich kann sie nicht verbürgen und gebe sie weiter, wie ich sie gelegentlich hörte – ein nicht minder bezeichnendes Licht auf die damaligen Verhältnisse würfe. In der Kaserne des I. Infantrie-Regiments auf dem Marsfelde, so wurde erzählt, sei am 7. November 1918 nachmittags, als eine revolutionäre Bande von der Guldeinschule[5] her sich näherte und Miene machte, die Kaserne zu stürmen, noch ein Oberleutnant mit etwa 150 Mann anwesend gewesen, die ihre Kaserne zu verteidigen eventuell bereit gewesen wären. Der Offizier hatte sich telefonisch unter Darstellung der Lage an die Stadtkommandantur gewandt mit der Anfrage, was er machen, ob er schießen lassen solle. Ihm sei der Bescheid geworden, wenn er das auf seine Verantwortung machen wolle, dann habe man nichts dagegen einzuwenden. Der Offizier hätte darauf dem Stadtkommandanten zu verstehen gegeben, dass  er, wenn ihm der Befehl erteilt würde, zur Verteidigung der Kaserne bereit wäre, dass er es aber ablehne, es auf eigene Verantwortung zu tun.

Josef Hofmiller erzählt in seinem „Revolutionstagebuch“ von einem Gerücht, es seien am Revolutionsabend zwanzig Panzerautos in München bereit gewesen, den Aufstand niederzuwerfen. Die Offiziere hätten nur auf das Stichwort „Bayern“ gewartet. Es sei aber nicht gekommen. Der Stadtkommandant hätte sich nicht getraut, die Verantwortung zu übernehmen. Das war also derselbe Stadtkommandant, der auch die Entscheidung darüber, ob eine Kaserne verteidigt werden solle oder nicht, dem deswegen bei ihm anfragenden Offizier zuschieben wollte. Daher der Name Stadtkommandant. Im Übrigen zeigen diese Beispiele, dass das bequeme System des Abwälzens der Verantwortung nach unten damals auch schon beim Militär eingerissen war.

Der rote Umsturz

So war also der 7. November herangekommen, dieser dies ater (schwarzer Tag) in der deutschen und bayerischen Geschichte. Als ich am Nachmittag meinem Redaktionsbüro zustrebte, kamen mir in der Bayerstraße und durch die Goethestraße unheimliche Menschenmassen entgegengeströmt, die sich von einer großen sozialdemokratischen Massenkundgebung auf der Theresienwiese in die Stadt ergossen. Es war nichts Lärmendes und Aufregendes in dieser Menschenflut zu beobachten, aber gerade ihre Stille in Verbindung mit den verbissenen, hasserfüllten  Gesichtern hatten etwas Beunruhigendes, so dass ich unwillkürlich das Gefühl bekam: da ist etwas im Gange, da passiert noch etwas. Ich erledigte meine Redaktionsarbeit und begab mich dann in’s Presseheim an der Bruderstraße, wo sich früher Kollegen zwanglos jeden Donnerstag trafen. Auf dem Wege dahin vernahm ich schon von da und dort her Schießereien, hauptsächlich dürfte es von der Türkenkaserne her gewesen sein. Ich ließ mich dadurch nicht beirren, verbrachte ein paar Stunden im Presseheim und brach gegen zehn Uhr zum Heimweg auf. Es war verhältnismäßig ruhig, nur vereinzelt hörte man schießen. Wie ich über den Maximilianplatz komme, fällt mir links in der Nähe des Restaurants Humpelmeyer[6] eine kleine Menschenansammlung auf. Es ist jedoch kein Lärm zu vernehmen und keine besondere Aufregung zu bemerken. Ich trete näher und sehe nun, wie diese Leute einen Büchsenmacherladen, den sie erbrochen haben, ausplündern. Einige machen auch gleich die Probe auf das Exempel und knallen ein wenig in die Luft. Das Knallen macht ihnen sichtlich Freude. Ich denke mir allerhand, gehe aber unangefochten meines Weges weiter ahnungslos, dass inzwischen bereits eine Revolution einen Thron umgestürzt und eine Stadt auf den Kopf gestellt hat. So leicht, so einfach und so schnell hatten sich auch die, die sie kommen sahen, das Vorsichgehen der Revolution nicht vorzustellen vermocht. Als die guten Münchner Bürger sich am nächsten Morgen den Schlaf aus den Augen rieben, da erfuhren sie zu ihrer nicht geringen Überraschung, dass in der vergangenen Nacht Herr Eisner, der ehemalige Feuilletonredakteur des „Vorwärts“ sich anstelle Ludwig III., der bei Nacht und Nebel die Flucht ergriff, zum Beherrscher Bayerns gemacht hatte. Freilich sah es mit seiner Herrschaft außerhalb Münchens ziemlich zweifelhaft aus, denn sie wurde keineswegs überall und restlos anerkannt. Immerhin, der Bürger und der einfache Mann von der Straße staunten, wie leicht ein Staatsregime, ein altes, durch vierhundertjährige Tradition geheiligtes und, wie es schien, unangreifbares und unzerstörbares Regime, über Nacht und ohne nennenswerten Widerstand beseitigt werden konnte. Und am meisten haben darüber wohl die Revolutionsmacher selber gestaunt, denn das hatten sie sicher nicht erwartet. Es war ja auch nur möglich, weil Militär und Polizei versagten, weil das Militär selbst den Drahtziehern der Revolution das beste und brauchbarste Material lieferte, nicht die Kämpfer der Front selbstverständlich, denn die waren ja überhaupt noch gar nicht daheim, sondern die Ersatzformationen und die Lazarette in der Heimat. Von da kamen die Leute, die vom Krieg genug hatten und von ihm nichts mehr wissen wollten, die keine Lust mehr verspürten, ihren „Kohlrabi“, wie sie sich ausdrückten, noch einmal hinzuhalten. In den Mathäser-Bierhallen z. B. konnte man es von ihnen, wenn man ein wenig herumhörte, in den Wochen vor der Revolution oft und deutlich genug vernehmen. „Iatz muaß da Krampf amoi aufhern“[7] war eine besonders beliebte Redensart. Das waren in der Hauptsache die Leute, die in ihrer politischen Ahnungslosigkeit Herrn Eisner zu seiner 105-Tage-Herrschaft verhalfen. Was sie wollten, das war im Grunde genommen nur: Schluss mit dem Kriege! Herr Eisner und die andern ihm Gefolgschaft leistenden Konjunkturpolitiker bedienten sich geschickt dieser Kriegsmüdigkeit, um ihre ganz anders gearteten Ziele zu erreichen. Und die allgemeine Zermürbung durch den vierjährigen Krieg und dessen Begleiterscheinungen sorgte dafür, dass nirgends ein ernsthafter Widerstand sich regte. Mir hat ein alter in der Umgebung von München bei einer Ersatzformation stationierter Offizier gesagt, es seien zur Zeit des Ausbruchs der Revolution in München und Umgebung ca. 2000 Offiziere vorhanden gewesen. Man muss doch annehmen, dass, wenn auch mit ihren Truppen nicht mehr viel anzufangen war, doch wenigstens auf sie noch einiger Verlass gewesen wäre. Mit 2000 Mann, zu denen sich wohl auch sonst noch manche dazu gefunden hätten, hätte sich schon etwas anfangen lassen, denn die Organisation dieser sog. Revolution war ja geradezu jammervoll und wäre nicht allzu schwer über den Haufen zu werfen gewesen. Aber es war eben Niemand da, der auf der anderen Seite den Widerstand organisiert hätte, weil die Direktion von oben vollständig versagte und der Mut zur Verantwortung fehlte.

Am 12. Dezember kam mein ältester Sohn Gott sei Dank mit heilen Knochen aus dem Felde heim. Seine Batterie war auf dem Fußmarsch aus der Gegend von Reims durch Nordfrankreich und Belgien bis Wetzlar gekommen und hier auf die Bahn verladen worden. Die Batterie war, militärisch gesehen, noch in tadelloser Verfassung, wenn auch die Mannschaften in ihren abgetragenen Uniformen nichts weniger als vornehm aussahen. Aber ihre Geschütze und Gespanne hatten sie in bestmöglichem Zustand nach Hause gebracht. Im Hofe der Kaserne auf dem Marsfelde wurden sie hinterstellt. Am nächsten Morgen war alles, was daran nicht niet- und nagelfest war, gestohlen. Das war damals eine der feinen Revolutionsmoden. Ich selbst habe in den ersten Revolutionstagen mit eigenen Augen gesehen, wie aus den Fenstern der oberen Stockwerke der Infanteriekaserne auf dem Marsfelde Uniformstücke, Stiefel, Stoffe u. dgl. auf die Straße geworfen wurden, wo schon Frauen und Kinder mit Handwägelchen warteten und die Sachen auflasen und fortschafften. Es herrschte eben der Mob und das Gesindel, und man ließ sie gewähren. Denn man brauchte sie ja zu der sog. Revolution. Dass die Kasernen ausgeplündert wurden, gab sogar der Rat der Arbeiter und Bauern in seiner Proklamation an die Soldaten vom 8. November 1918 selbst zu. In dieser Proklamation hieß es nämlich: „Es wird uns mitgeteilt, dass der Pöbel in Eurer Abwesenheit teilweise die Kasernen geplündert hat. So bedauerlich dies auch ist, werden wir es zu verschmerzen wissen angesichts der großen Erfolge. Wir werden Euch alles vergüten.“ Natürlich blieb es bei den papiernen Versprechen. Die meisten Soldaten, so auch mein Sohn, bekamen nicht einmal mehr einen Entlassungsanzug, obwohl das dringend notwendig gewesen wäre. Es sei nichts mehr da, so hieß es, was ja auch wohl stimmen mochte, denn es war inzwischen eben alles gestohlen worden. Für meinen Sohn und für uns war das umso misslicher, als seine alten Sachen unterdessen von seinen Brüdern aufgetragen worden waren und an Kleidung und Schuhen damals auch für Geld nur schwer etwas zu bekommen war.

Die Operetten-Revolution vom 7. November war natürlich nur ein Anfang, das dicke Ende kam erst später nach. Nun begann erst der Kampf der Nutznießer der Revolution untereinander. Ich besitze (bzw. besaß bis 1944) noch das Manuskript eines Berichtes über eine „Soldatenversammlung revolutionärer Internationalisten“, die am 4. Dezember 1918 in der Schwabinger Brauerei stattfand. Aus diesem Bericht, der damals eine Verwendung nicht finden konnte, ersieht man deutlich die Gegensätze, die unter den Revolutionären selber bestanden, und man ersieht daraus auch, wie die deutschen Bolschewiki als die radikalen der Radikalen sich bemühten, die Verhältnisse bei uns nach dem Muster ihrer russischen Freunde zu gestalten. Referent des Abends war der sattsam bekannte Erich Mühsam, der sich gleich eingangs selbst als Nihilist[8] bekannte. Besonders wetterte Herr Mühsam gegen den auch unter den gemäßigten Revolutionären ziemlich laut vernehmbaren Ruf nach der Nationalversammlung, gegen die man nicht misstrauisch genug sein könnte, wie man es auch gegen die sein müsste, die sie verlangten. Mühsam machte es auch Eisner zum Vorwurf, dass er unter dem Druck Auers in der Frage der Nationalversammlung eingelenkt hätte. Nach der Mühsamschen Logik durfte die Nationalversammlung nicht kommen, „um Blutvergießen zu vermeiden“. Da ­die An­hänger der Nationalversammlung sicher an alles eher als an Blutvergießen dachten, war Mühsam also der Anschauung, dass er und seine Gesinnungsgenossen, die Bolschewiki, zur Verhinderung der Nationalversammlung auch Blut vergießen müssten und würden. Mühsam nannte die russischen Bolschewiki seine Kameraden und bezeichnete es als einen Fehler der deutschen Revolutionsregierung, mit der Entente ins Reine kommen zu wollen, da wir doch einen führenden und mächtigen Verbündeten, nämlich Russland, hätten, der uns helfen würde. In der Diskussion schlug ein Redner vor, eine schwarze Liste „verbrecherischer“ Offiziere in den Kasernen aufzulegen, und machte dabei die zu denken gebende Bemerkung: „Wir haben auch Offiziere wie Colin Roß[9], vor denen wir noch Ehrenbezeugungen machen.“ Derselbe Redner forderte die Bestrafung von Ludendorff[10] und Hofmann[11], und hier leistete sich ein Versammlungsteilnehmer, also ein deutscher Soldat, den, den deutschen Namen schändenden, Zwischenruf: „Liefert sie aus nach Frankreich, die Schweinehunde!“ Ein Matrose erzählte, dass er schon vierzehn Tage vor der deutschen Revolution mit russischen Matrosenräten verhandelt hätte. Einige Redner tobten in der Diskussion besonders auch gegen die Presse. Einer meinte, die Presse sei es, die als bestochenes Element eine ehrliche Bewegung (womit er den Bolschewismus meinte) in den Kot ziehe. Hier verlangte ein freundlicher Zwischenrufer, dass man die Redakteure hinauswerfen solle. Ein Redner bedauerte es, dass man die Presse nicht dauernd besetzt hätte. Eine vorübergehende Besetzung der Zeitungen durch rote Soldaten hatte allerdings stattgefunden. Eisner hatte aber unter Auers starken Einfluss alsbald dagegen einschreiten müssen. Überhaupt hatte die Presse bis zum Ende des Eisnerschen Regimes im Allgemeinen und verhältnismäßig noch ziemlich viel Bewegungsfreiheit.

Zu dieser Zeit war der Mehrheitssozialist Erhard Auer1) ein ruhiger, verständiger Mann, den ich, da er auch Berufskollege, nämlich Chefredakteur der Münchner Post war, sehr gut persönlich kannte, bayerischer Minister  des Innern. Ihm war die Freiheit der Presse kein bloßes Schlagwort wie z. B. dem Kommunisten, die darunter nur die Freiheit ihrer eigenen Presse verstanden. Auer hat wiederholt eingegriffen, wenn die Eisnerleute gegen die bürgerliche Presse losstürmten. So im Dezember 1918, wo auf seine Veranlassung Eisner seine Horden wieder aus den Zeitungsbetrieben zurückziehen musste. Bei dieser Gelegenheit hat Auer auf eine Beschwerde des Landesverbandes der Bayerischen Presse wegen der schweren Ausschreitungen gegen die Betriebe der Münchner bürgerlichen Blätter Folgendes erwidert:

„ Die mehrfachen Ausschreitungen gegen die Presse bedauere ich lebhaft. Es sind Maßnahmen getroffen, um die Ordnung sicherzustellen und den Grundsatz der Pressefreiheit, zu dem sich die Regierung des Volksstaates wiederholt bekannt hat, zu gewährleisten. Bei allen Versuchen von Gewalttätigkeiten möge sich die Münchner Presse umgehend an die Polizeidirektion München wenden, die den nötigen Schutz gewähren wird.“

Und das waren, wie gesagt, keine bloßen Redensarten. Auer[12] hat, wenn nötig, den Worten auch die Taten folgen lassen, bis die Kugel eines fanatischen Kommunisten ihn auf ein monatelanges Schmerzenslager warf.

Herr Eisner, der im Grunde genommen nichts anderes als ein waschechter Bolschewiki war, wenn er auch unter dem Druck der Verhältnisse Zugeständnisse machen musste, hatte sicher den guten Willen, die Nationalversammlung nach Möglichkeit zu sabotieren. Auf alle Fälle wollte er sie, so lange es nur irgend ging, hinaus schieben. Daraus machte er selber kein Hehl. Als dann aber sehr gegen seinen Willen und sein Zutun das Problem doch schneller aktuell wurde und er eine feste Stellung dazu nehmen sollte, da fällte ihn das Schicksal, noch bevor er dazu kam. Wieder nahte ein dunkler Tag für Bayern und Deutschland, der 21. Februar 1919. Als innenpolitischer Redakteur der Münchener Zeitung sah ich es als eine Pflicht an, an diesem Tage, an dem Eisner im Landtage eine wichtige Erklärung abgeben sollte, selbst dorthin zu gehen. Auf zehn Uhr vormittags war der Sitzungsbeginn anberaumt. Das Haus war versammelt und harrte des Erscheinens des Ministerpräsidenten. Der ließ auf sich warten. Ich stand, da ich wegen meiner Arbeit in der Redaktion erst ziemlich spät hatte kommen können, auf der überfüllten Journalistentribüne ganz hinten am Eingang. Nach einiger Zeit – es war schon weit über zehn Uhr – machte sich unten im Sitzungssaal eine lebhafte Unruhe bemerkbar. Man sah einen Mann, der durch eine der Seitentüren hereingekommen war (es war Eisners Sekretär Fechenbach) in einer dicht um ihn gescharten Gruppe von Abgeordneten eifrig mit den Händen gestikulieren und sprechen. Plötzlich wurde hinter mir die Tür zur Journalistentribüne heftig aufgerissen, und herein stürmte aufgeregt ein Soldat mit einer roten Armbinde und schrie: „Eisner ist ermordet worden!“ Dabei hielt er in der rechten Hand einen kleinen Gegenstand hoch. Da ich unmittelbar neben dem Mann stand, packte ich seinen Arm und fuhr ihn an: „Mann, reden Sie doch keinen Unsinn! Was haben Sie denn da?“ Er erwiderte, noch fast atemlos und keuchend vor Aufregung (er war offenbar beim Tode Eisners in der Promenadenstraße zugegen gewesen): „Eisner ist tot, das ist sein Zwicker.“ Ich nahm ihm das Ding aus der Hand. Es war in der Tat ein golden gefasster Zwicker, dessen Gläser über und über mit Blut und Gehirnmasse bespritzt waren. Nun fing ich doch an zu glauben, dass da etwas Ernstes geschehen sein musste. Inzwischen war auch unten im Saale eine Erklärung eingetreten, der Präsident schwang seine Glocke und gab, nachdem es still geworden, das Geschehene in kurzen Worten bekannt.

In mir erwachte jetzt der Journalist. Mein nächster Gedanke war: Nur raus und zur Redaktion, die Nachricht muss noch in die heutige Zeitung! Dem Gedanken ließ ich auch gleich die Tat folgen. In den Gängen des Landtages ging es wie in einem aufgestörten Bienenkorb zu. Wie tobsüchtig sich gebärdende rote Krieger sausten hin und her, brüllten und fuchtelten mit ihren Handgranaten und Pistolen den Zivilisten, die sich zeigten, drohend unter der Nase herum. Da stiegen mir freilich Zweifel auf, ob ich aus dem Hexenkessel wohl herauskommen würde. Aber es gelang mir schließlich, und ich raste im Eiltempo zur Redaktion, wo man überrascht über mein vorzeitiges Erscheinen und bestürzt über das war, was ich berichtete und sofort für die Zeitung zu Papier brachte. Die Nummer des Tages konnte tatsächlich noch mit der Nachricht vom Tode Eisners erscheinen, und die Münchener Zeitung war somit das erste Blatt, das die Nachricht brachte.

Nachdem ich so meine Journalistenpflicht erfüllt hatte, wollte ich wieder zurück in die Prannerstraße, um dort Augen- und Ohrenzeuge des weiteren Ganges der Ereignisse zu sein. Mein Beginnen war aber vergeblich. Denn kaum dass ich das Landtagsgebäude verlassen, hatte man dieses luftdicht abgeschlossen und auch den Zugang zur Prannerstraße abgesperrt. Es wurde Niemand mehr heraus- und Niemand mehr hineingelassen. Ich war gerade noch im letzten Augenblick durchgeschlüpft und herausgekommen, aber hinein kam ich nun nicht mehr. Drinnen war unterdessen eine schwere Bluttat geschehen. Der Kommunist Lindner war in dem Sitzungssaal eingedrungen und hatte in blindwütiger Schießerei den Führer der Mehrheitssozialisten und Innenminister Auer schwer verletzt, den Abgeordneten Osel und den Major Jahreiß getötet.

Eisners Tod war das Signal zur Entfesselung aller bisher noch leidlich gehemmten politischen Leidenschaften und jeder menschlichen Gemeinheit, angefangen vom Neid und Hass bis zum grausigsten Verbrechen. Die führenden Elemente der extremen Linken sahen nun ihren Weizen in die Halme schießen und taten ihr Bestes, um die Ernte rechtzeitig unter Dach zu bringen. Das gelang ihnen indes nur in beschränktem Maße, da ihnen das Schicksal wenig Zeit ließ. Die Entwicklung ging stufenweise, aber schnell vor sich. Zuerst ergriff der sog. Zentralrat die Zügel des Staatsfuhrwerks. Das war noch die zahmere Sorte der wilden Männer und gewissermaßen die letzte Sprosse auf der Leiter zum räterepublikanischen Himmel. Den Führer in diesem Gremium spielte Herr Toller, ein Mann, dessen Name nach dem lateinischen Sprichwort (nomen est omen) hier tatsächlich wie ein omen klang. Eine richtige Schwabinger Pflanze, dichten tat er auch. In der dem Zentralrat folgenden Drei Wochen-Räterepublik trat dieser Toller noch toller in der Rolle des Feldherrn auf, die ihm allerdings noch schlechter als die des Staatsmannes lag und die er deshalb auch kläglich genug spielte. Nach seinem strategischen Rückzug von Dachau in ein unangenehmerweise (für ihn) von den Feinden bald entdecktes Versteck bei Schwabinger Bekannten war es mit seiner staatsmännischen und militärischen Reputation ganz vorbei, und er bekam nun bald Zeit und Muße, sich in dem fidelen Festungsgefängnis von Niederschönenfeld wieder mehr seinen poetischen Neigungen hinzugeben. Im Zentralrat war übrigens wohl Gustav Landauer der einflussreichere und wichtigere, aber auch weitaus gefährlichere Mann. Wie überhaupt ein typisches Merkmal der Revolution von 1918/19 die Tatsache bildete, die man feststellen muss, auch wenn man wie ich niemals dem Antisemitismus gehuldigt hat, nämlich dass in allen ihren Stadien immer Juden in der Führung waren. Auch der Mann, der im Auftrag des Zentralrates[13] die so vielbeschriebene „Vollsozialisierung“ durchführen sollte und wollte, war meines Wissens Jude. Neurat hieß er. Auf die Presse hatte es Herr Neurat bei seinem Sozialisierungswahn ganz besonders abgesehen. Ich kann mir die Szene noch deutlich vergegenwärtigen, wie er voll brennenden Eifers und aufgeregter Geschäftigkeit in eine Versammlung von Presseleuten und Quasi-Politikern, die die Presse zu schikanieren sich berufen fühlten, hereinplatzten und, während er noch die Tür in der Hand hatte, den denkwürdigen Ausspruch hervorsprudelte: „Meine Herren, meine Herren, innerhalb 24 Stunden muss die Presse sozialisiert werden!“ Sie wurde aber nicht sozialisiert, nicht innerhalb 24 Stunden und überhaupt nicht. Denn nachdem man in einigen Sitzungen Einiges hin- und hergeredet hatte, neigte sich die Sozialisierungsherrlichkeit des Herrn Neurat bereits ihrem Ende zu. Bei diesen Pressesozialisierungs-Debatten tat sich auch sehr eifrig ein Herr Eisler hervor, der damals noch ein ziemlich junger Mann war. Ich vermutete sehr stark, dass dieser Eisler identisch sein dürfte mit dem Eisler, der im Mai 1949 als Amerikas Kommunist Nr. 1 so viel von sich reden machte[14]. Gegen ihn war dort bekanntlich ein gerichtliches Verfahren im Gange, dem er sich durch die Flucht entzogen hat. Zuflucht fand er in England, und die Engländer lehnten auch ein von Amerika gestelltes Auslieferungsverlangen ab. Und sie taten noch mehr für den amerikanischen Kommunisten Nr. 1, indem sie ihn in aller Gemütsruhe nach ihrer westdeutschen Zone weiterreisen ließen, von wo es ihm nicht schwer fiel, zu seinen politischen Freunden in der Ostzone zu gelangen. Und hier kann dieser Herr Eisler jetzt zu unserer Freude und sicher auch zu der der Herren Amerikaner und Engländer die Rolle des großmächtigen Presse- und Propagandachefs der deutschen Ostzonenregierung spielen.

Anfang April 1919 also hatten in München die Leute des Zentralrates schon ausgespielt, und vor der Tür standen bereits die Nachfolger, die ganz echten Räterepublikaner russischer Prägung, bei denen die Levien, Leviné-Nissen[15], Axelrot etc. das große Wort führten. Das war um die Osterzeit 1919. Eine Zeit des Schreckens, in der alles außer Rand und Band zu gehen schien. Der Auswurf der Menschheit war auf unser armes München losgelassen, regierte, requirierte und verhaftete nach Lust und Willkür, wie es ihm beliebte und gerade einfiel. Die Zeitungsredakteure d. h. Redakteure der bürgerlichen Blätter waren besonders beliebte Persönlichkeiten, und sie mussten in diesen Wochen stets gewärtig sein, nachts aus ihren Betten geholt zu werden. Manche Kollegen zogen es daher auch vor, wenn die Lage brenzlich schien, bei Bekannten oder Verwandten zu nächtigen. Ich selbst bin jede Nacht daheim bei meiner Familie gewesen und bin auch nicht behelligt worden. Eine nervenaufpeitschende Angelegenheit war der häufige nächtliche Alarm. Die lieben Bolschewiki waren nämlich selbst sehr nervös und ängstlich und sahen oft Gespenster und Gefahren, wo gar keine waren. Mitten in der Nacht wurde man plötzlich und immer wieder durch stürmisches Glockengeläut von den Kirchtürmen aufgeschreckt. Jetzt ging auch der Wunsch in Erfüllung, den schon einer der Redner in der bereits erwähnten Schwabinger Soldatenversammlung im Dezember 18 geäußert hatte hinsichtlich einer Dauerbesetzung der Zeitungen. Die Zeitungen wurden nun tatsächlich besetzt und ihnen bolschewikische Zensoren ins Haus geschickt, ohne deren Gutheißung  nicht eine Zeile gedruckt werden durfte. Die Zensoren, die die Räteregierung der Münchener Zeitung ins Haus setzte, waren ein Mann Namens Gutfeld, ein fanatischer Moskauer, der, als ihm der Münchner Boden zu heiß wurde, auch wieder in sein östliches Paradies verschwand, und ein blutjunger Mensch, der von Beruf Schullehrer, im Kriege zuletzt Leutnant im 15. bayerischen Infanterie-Regiment und dann wie so viele andere politisch auf die schiefe Ebene geraten war. Gutfeld war der eigentlich maßgebende Mann und ein ganz unangenehmer und anmaßender Kerl, der andere dagegen hatte nicht viel oder richtiger gar nichts zu sagen, denn er frug, wenn er im Zweifel war, immer erst bei Gutfeld an, aber persönlich war er ein ganz netter und umgänglicher Mensch, mit dem ich mich des Öfteren über dies und jenes ganz leidlich vernünftig unterhalten konnte. Einen guten Teil der in Betracht kommenden Zeit konnten übrigens die Zeitungen infolge des zumeist herrschenden Generalstreiks so wie so nicht erscheinen.

Vor unserem Verlagsgebäude in der Bayerstraße kam eines Tages, so um 11 Uhr vormittags herum, eine Horde Spartakisten angerückt und machte unter dem lieblichen Gebrüll „Alle Redakteure müssen aufgehenkt wern!“ Miene, in unser Haus eindringen. Glücklicherweise waren in dem Augenblick außer mir keine Redakteure mehr im Hause und der  Portier besaß die Geistesgegenwart, mir durch das Haustelefon den dringenden Rat zu geben, ich möchte mich angesichts der bedrohlichen Haltung der Leute doch lieber schleunigst verflüchtigen. Das war nicht schwer, da ich den Ausgang nach der Paul-Heyse-Straße benutzen konnte, der unbeobachtet war. Da ich annehmen durfte, dass wohl keiner dieser Bolschewiki mich persönlich kennen würde und da ich außerdem einigermaßen neugierig war, was nun weiter geschehen würde, ging ich von der Paul-Heyse- zur Bayerstraße vor, um zu sehen, wie es dort weiterginge. Da sah ich denn, dass das Gesindel inzwischen in das Haus eingedrungen war und aus dem Maschinen- und den Packraum alles mögliche brennbare Zeug vor allem Papier herausschleppte, davon mitten auf der Straße einen großen Haufen aufschichtete und in Brand steckte. Bald war die ganze Straße mit dicken Rauchwolken gefüllt, und das Feuer loderte hoch auf. Es war ein kindisches, aber doch verhältnismäßig harmloses Vergnügen für diese von Zerstörungswut besessenen Leute. Weniger harmlos fand ich, was ich beobachten konnte und vernahm, als ich wieder um die Ecke nach der Paul-Heysestraße gebogen war. Dort stand jetzt gerade vor den großen Fenstern unseres Maschinensaales ein Trupp roter Soldaten mit den unvermeidlichen Handgranaten im Gürtel, und als ich näher hinzutrat, hörte ich, wie sie eifrig darüber debattierten, ob sie einige Handgranaten durch die Fenster auf unsere Maschinen werfen sollten. Die meisten schienen nicht übel Lust dazu zu haben. Das sah verdammt gefährlich aus. In jenen trostlosen Zeiten wären diese großen Vierrollen-Maschinen zu einem absehbaren Termin überhaupt nicht zu ersetzen gewesen. Ihre Zerstörung hätte also aller Voraussicht nach die Stillegung des Betriebes und das Brotloswerden vieler unschuldiger Menschen bedeutet. Zum Glück befand sich unter den Handgranatenmänner wenigsten ein halbwegs Vernünftiger, der den anderen vorstellte, dass es doch Unsinn von ihnen wäre, die Maschinen zu zerstören. Sie wollten ja selber eine kommunistische Zeitung darauf drucken, und das wäre doch unmöglich, wenn man die Maschinen jetzt kaputt machte. Das leuchtete schließlich auch den anderen ein, und so blieben die für unsere Maschinen bestimmten Handgranaten in den Gürteln der roten Helden. Ich atmete erleichtert auf, als sich die Situation soweit geklärt hatte und ging unerkannt nach Hause. Die Herren Spartakisten hätten sich wohl sehr gewundert, wenn sie erfahren hätten, dass einer der Redakteure, die ein bisschen  aufzuhängen sie mit Wunsch und Vorsatz im Herzen gekommen waren, ihr Freudenfeuer mitangesehen und ihre Maschinenzerstörungsdebatte mitangehört hatte.

Auch die wenigen, aber für die, welche sie miterleben musste, doch endlos langen Wochen der Räteherrschaft nahmen ein Ende. Es war ein Ende mit Schrecken. Als sich in den letzten Tagen des April 1919 der Ring, den die zur Befreiung Münchens heranrückenden Regierungstruppen der Weißen, wie die Roten sie nannten, um die bayerische Hauptstadt zogen, immer enger schloss, da begann es den bolschewistischen Machthabern doch recht unbehaglich zu werden, und in ihrer ohnmächtigen Wut und Feigheit setzten sie nun den schon begangenen Scheußlichkeiten mit der grauenhaften Geiselmordtragödie[16] im Luitpoldgymnasium die Krone auf. Da infolge des Generalstreiks keine Zeitungen erschienen, verbreitete sich die Kunde von dieser Gräueltat nur langsam in der Stadt. Am 1. Mai vormittags zwischen 10 und 11 Uhr ging ich, da Straßenbahnen nicht verkehrten, zu Fuß von meiner Wohnung in Neuhausen in’s Stadtinnere. An der Kreuzung der Karl- und Augustenstraße traf ich den Kollegen Hermann Roth, der mir von dem Geiselmord, von dem ich noch keine Ahnung hatte, berichtete. Während wir noch im Gespräch darüber waren, kam die Augustenstraße herauf ein langer Zug sichtlich erregter Menschen mit einer weißblauen Fahne an der Spitze. Es war ein Demonstrations- und Protestzug gegen den abscheulichen Geiselmord. Der Zug ging in Richtung Bahnhof. Kollege Roth schlug vor, dass wir zum Wittelsbacher Palais gehen sollten, dem Sitz der Räteregierung, um zu sehen, was dort los sei. Als wir hinkamen, stand zwar noch der Posten vor dem Eingang, in den auf dem Platz herumstehenden Gruppen wurde aber erzählt, dass die hochmögenden Regierer bereits ausgerückt seien. Unsere Unterhaltung wurde durch einen an unsere Gruppe herantretenden alten Herrn mit langem grauen Vollbart unterbrochen, der mitteilte, dass in der Residenz Waffen an die Studenten und Bürger ausgegeben würden, und uns aufforderte, auch dorthin zu gehen. Wir, Roth und ich, machten uns also auf den Weg. Als wir die Briennerstraße herunter zum Wittelsbacher Platz kamen, wo an sich nichts Auffälliges zu bemerken war, sahen wir, dass sich vor dem Hofgartentor eine große Menschenmenge staute. Wir gingen weiter und gelangten bis auf die Höhe des damaligen Odeonkasinos. In diesem Augenblick bog vom Hofgartentor her ein Auto mit weißblauer Fahne in die Briennerstraße ein, und hinter ihm drängte eine dichte Menschenmasse her auf uns zu. Ich sah, dass viele dieser Leute weiße Binden, meist Taschentücher, und Gewehre hatten. Eben wollte ich den Kollegen Roth auf diese immerhin bedeutungsvolle Tatsache aufmerksam machen, da hatte ich ihn im Gedränge auch schon verloren. Ich überlegte, was zu tun sei. In dem entgegenströmenden Menschengewühl nach vorne zu kommen, schien ziemlich aussichtslos. Ich ließ mich also von der Menge schieben und kam wieder auf den Wittelsbacher Platz. Da begann auf einmal ein lebhaftes Geschiesse und zwar von der Briennerstraße beim Café Luitpold und vom Schillerdenkmal her, wo die Roten ein Maschinengewehr in Stellung gebracht hatten. Die weißen Armbinden, die in der Briennerstraße östlich des Wittelsbacher Platzes standen und lagen, blieben die Antwort nicht schuldig. Mir schien die Situation zwischen diesen beiden Feuern nicht eben angenehm, und so überquerte ich etwas beschleunigt den Wittelsbacher Platz vor dem Denkmal und stellte mich drüben im Portal des Arcopalais’ hinter eine der flankierenden Säulen, um einige Deckung zu haben. Auch andere Leute standen und lagen dort in der gleichen Absicht herum.

Kaum dass ich mich hinter meiner Säule so gut es ging, eingerichtet hatte, da fuhr das schon erwähnte Auto mit der weißblauen Fahne heran und hielt gerade vor unserem Portal. Die Insassen sprangen heraus, ließen ihren Wagen im Stich und machten sich davon. Jetzt kam um die Ecke des Arcopalais’ von der Briennerstraße her ein Soldat mit roter Armbinde, sein Gewehr in der Hand, gesprungen. Als er mich hinter der Säule stehen sah, trat er, vielleicht in der Annahme, ich wäre einer der Insassen des Autos gewesen, auf mich zu und schickte sich an, sein Gewehr auf mich anzulegen. Das machte mir natürlich wenig Spaß, und ich fragte den Mann ziemlich erregt, was er denn eigentlich von mir wolle. Ich hätte mit der ganzen Sache nicht das Mindeste zu tun und sei nur durch Zufall hierher geraten. Der Mann überlegte einige Augenblicke, dann tat er seinen Schießprügel weg und machte sich an dem Auto zu schaffen. Das sah offenbar drüben überm Platz einer von den Weißen und widmete ihm eine Kugel. Die traf auch, denn der Mann sackte zusammen. Einige weitere Rote kamen um die Ecke und schleppten ihn weg. Mir wurde die Luft hier zu dick, und ich hielt es für das Beste, den Versuch zu machen, über die Briennerstraße zum Salvatorplatz zu gelangen. Mit einigen Sprüngen war ich an der Ecke. Aber die Schießerei namentlich aus dem roten Maschinengewehr am Schillerdenkmal und die Erwiderung der Weißen von unten her war jetzt so lebhaft, dass ich den Gedanken, die Straße zu überqueren, zunächst wieder aufgab und mich in die Vertiefung der nahen Pössenbacher’schen Ladentür drückte. Auch hier hatte ich Gesellschaft und zwar eine recht eigenartige, nämlich einen russischen Kriegsgefangenen aus dem Puchheimer Lager, den man in feldgraue Uniform mit roter Armbinde gesteckt und dem man ein Gewehr in die Hand gedrückt hatte, und einen deutschen Verwundeten und Lazarettinsassen. Wie damals üblich und wie auch verständlich, sperrten, wenn auf der Straße etwas los war, die Geschäftsinhaber und Hausbesitzer ihre Türen ab, so dass, wer auf der Straße, gezwungen war, auch dort zu bleiben. Auch die Pössenbacher’sche Ladentür war geschlossen. Da die Geschosse recht unangenehm vor unsern Nasen hin- und herpfiffen und den Aufenthalt in der Türfüllung nichts weniger als gemütlich gestalteten, so hätte ich mich ganz gerne nach rückwärts konzentriert und probierte deshalb, ob die Tür nicht zu öffnen wäre. Meine Gesellschafter beteiligten sich verständnisvoll an diesem Versuch, obwohl die Verständigung mit dem Russen ziemlich schwierig und in der Hauptsache nur durch Zeichen möglich war. Aber unsere Bemühungen waren umsonst. Die Tür gab nicht nach, der Gewehrkolben des Russen hätte ja wohl helfen können, aber das wollte ich nicht. Der Russe nahm übrigens, solange ich wenigstens hier stand, an der Schießerei keinen Anteil, sondern sah dieser Sache ziemlich gleichmütig zu, und den Lazarettmann regte sie anscheinend auch nicht heftig auf. Dagegen war meine Lust, hier etwa anzuwachsen, gar nicht groß, und ich lauerte ständig darauf, ob das Schießen nicht einmal etwas nachlassen würde. Nach einiger Zeit flaute tatsächlich das Feuer einigermaßen ab. Ich setzte mich auch gleich in Bewegung, und mit einigen weitausgreifenden Sprüngen – man glaubt gar nicht, wie man in solchen Situationen um’s liebe Leben springen kann – war ich über der Straße und ging dann gemächlich über den Salvatorplatz und nach Hause. Mein Bedarf an Bürgerkrieg war für diesen Vormittag mehr als gedeckt.

Revolutions-Unrat

Es lag und liegt nicht in meiner Absicht, hier etwa eine Geschichte der Münchner Revolution und der Nachrevolutionszeit zu schreiben, das mögen Berufenere tun. Ich berühre diese Dinge hier immer nur soweit, als ich direkt und persönlich beteiligt war oder indirekt irgendwie damit zu tun hatte. Als in dieses Gebiet hinsichtlich der Revolutionszeit einschlägig betrachte ich aber einen Artikel, den ich später, nämlich am 29. August 1923 in der Münchener Zeitung veröffentlichte. Er beleuchtet ungemein drastisch, was während der roten Revolution und namentlich in ihrem Höhepunkt und Schluss von Menschen-Unrat alles an die Oberfläche drängte. Das Material zu diesem Artikel hatte mir der damalige Adlatus des bayerischen Justizministers, Oberregierungsrat Stauffer, von dem ich noch an anderer Stelle zu sprechen haben werde, zur Verfügung gestellt. Das Material ist so überaus lehrreich, dass ich es nicht der Vergessenheit anheimfallen lassen möchte, zumal es ja amtlich und authentisch und daher doppelt wertvoll ist. Ich gebe daher meinen Artikel, der sich auf diesem Material aufbaute und den ich mit der Überschrift „Verrätervolk“ versah, hier im Wortlaut wider:

„Mit den Fechenbach[17] [18], Lembke usw. hat die bayerische Justiz nur einige jener sogenannten Journalisten unschädlich gemacht, die unter dem Deckmantel der Berichterstattung an in- und ausländische Zeitungen Spionage und Landesverrat in aller Form betrieben. Der Kreis dieser ehrenwerten Leute war nämlich und ist vielleicht auch heute noch durchaus nicht so klein, wie man denken möchte. Das Gewerbe hat den Mann, wenn auch nicht gerade redlich, so doch anscheinend recht gut ernährt, und darauf haben diese Biedermänner auch immer Wert gelegt. In Valutafragen und Börsengeschäften wussten sie zumeist ausgezeichnet Bescheid. Man kannte sich untereinander ziemlich genau, und wenn man auch, wie das bei dem Volk von dieser Sorte üblich ist, im vertraulichen Verkehr zu zweien über den dritten aus dem Freundeskreis weidlich loszog, war man doch in dem Zielen der gemeinsamen Arbeit, die dem Verderb des deutschen Vaterlandes galt, durchaus einig.

Nicht wenige dieses Kreises, mit denen wir uns heute etwas eingehender beschäftigen möchten, haben ihr sauberes Handwerk schon während des Krieges begonnen und ausgeübt. Mit Fahnenflucht ging es bei dreien von ihnen würdig an. Alle drei waren, traurig es sagen zu müssen, bayerische Landeskinder. Leute mit einiger Begabung, aber halber Bildung, die, wie das in bewegten Zeiten eine gewöhnliche Erscheinung ist, nun den Drang in sich fühlten, um jeden Preis eine Rolle zu spielen. Zweien dieser Drückeberger war die Schweiz, dem dritten Holland Zufluchtsort. Natürlich kreideten sie alle das gemeine Verbrechen der Fahnenflucht mit großer Gebärde und schönen Phrasen in das Gewand der grundsätzlichen Gegnerschaft gegen den Krieg und gegen das in Deutschland herrschende System. Dass Leute, die ihr Vaterland mit der Waffe in der Hand zu verteidigen sich weigern, den „Militarismus“ glühend hassen, ist selbstverständlich, ebenso glühend lieben sie die Demokratie, so versichern sie wenigstens in Wort und Schrift.

Zum Beispiel der Hans Suttner, der aus der Wolfratshausener Gegend stammt und sich in München als Berichterstatter der „Neuen Zürcher Zeitung“ einen wenn auch nicht übermäßig rühmlichen Namen gemacht hat. Er hat auch sonst noch allerhand gemacht, der Hans Suttner, was nichts weniger als rühmlich war. Er hat sich selbst schon im Jahre 1917 als „Antiboche“ bezeichnet und seinen Verrat am Vaterlande in aller Form angekündigt, indem er erklärte, dass er seinen Dienst in die Hände derer gelegt habe, die nicht ruhen würden, bis der preußische Militarismus endgültig gebrochen und ihm damit ein zweiter Weltkrieg unmöglich gemacht sei. Seinem Vater teilte das Subjekt stolz mit, dass er für eine monatliche Bezahlung von tausend Franken in die Dienste des Feindes getreten sei und dafür Artikel gegen Preußen schreiben werde. Einer, der zur Revolution auffordere, sei schon erschienen. Die Vorbereitung der Revolution lag allen diesen Kreaturen ganz besonders am Herzen. Sie arbeiteten da wohl einerseits im Einverständnis mit den Gesinnungsgenossen in Deutschland, deren verschiedene wie z. B. Richard Müller ja offen eingestanden haben, dass sie die Vorbereitungen zur Revolution schon im Juli 1916 begonnen hätten, und andererseits im Auftrag ausländischer Persönlichkeiten. So hatte z. B. Suttner sehr intime Beziehungen zu dem in Paris wohnhaften berüchtigten und durch seine Spionagetätigkeit gegen Deutschland bekannten Advokaten Dr. Brüstlein[19], den er einmal seinen väterlichen Freund nennt. Nach der Novemberrevolution suchte sich Suttner an die neuen Machthaber in Bayern heranzuschlängeln, fand aber zunächst dem Anschein nach weder bei dem Justizminister Timm[20] noch später zur Zeit des Zentralrates bei dem „Werten Genossen“ Klingelhöfer[21] Anklang, obwohl er mit einer Empfehlung seines Freundes, des Genossen Dr. Greilling aufwarten konnte, auf den wir noch zu sprechen kommen werden. Als aber die Drei-Wochen-Herrlichkeit der Räte in München anbrach, da glaubten auch Suttner und seine Freunde ihrer Zeit gekommen und eilten spornstreichs nach der Isarstadt, um zu sehen, was hier etwa noch an Rahm noch abzuschöpfen wäre. In dem damals sozialisierten Regina Palasthotel[22] wohnten die feudalen Herren, um im Wittelsbacher Palais, wo die Leviné-Nissen[23], Levien[24] usw. residierten, gingen sie aus und ein. Als es mit der Räteherrlichkeit zu Ende ging, verschwanden die meisten ebenso rasch, wie sie gekommen waren. Suttner besaß allerdings die Frechheit, schon im Juli desselben Jahres wieder nach München zurückzukehren und sich hier als Vertreter der Neuen Zürcher Zeitung zu etablieren. Was er in dieser Eigenschaft an Verunglimpfung Bayerns geleistet hat, ist noch in guter Erinnerung. Man denke aber ja nicht etwa, dass das nur die Schuld des Herrn Suttner allein war und dass er damit sein Blatt nur hereingelegt hatte, im Gegenteil, ein reichlich zu bemessender Anteil an der Schuld fällt zweifellos auf die Redaktion dieses Blattes, das bayerische und deutsche militärische Stellen während des Krieges als deutschfeindlich anzusehen die Naivität besaßen. Der Schreiber dieses hat heute noch die amtlichen Dokumente dafür in Händen. Wiederholt wurden ihm Artikel gegen die Neue Zürcher Zeitung, diese giftigste Hasserin des alten Deutschland, deren Feindseligkeit schon damals ein Blinder mit Händen greifen konnte, von der militärischen Zensurstelle in München abgelehnt, weil, wie das Kriegsministerium erklärte, die Veröffentlichung dieser Artikel im Widerspruch mit den Absichten des stellvertretenden Generalstabes stehe, der die Neue Zürcher Zeitung nach wie vor als eine deutschfreundliche Zeitung ansehe. Ja, da wunderst Du dich, geehrter Leser, aber Du hast keine Ahnung, was von der allmächtigen Zensur in Kriegszeiten alles gesündigt worden ist und wie viel da ungerechterweise aus das Konto des breiten Rückens der deutschen Zeitungen ging.[25] [26]

Item, der treffliche Suttner war nur das bezahlte Werkzeug von anderen Leuten sowohl in seiner Eigenschaft als Münchner Vertreter der Neuen Zürcher Zeitung als auch in seiner sonstigen vielseitigen Tätigkeit. Ein gewisser Zusammenhang Suttners mit Fechenbach ergibt sich aus der Feststellung, dass Suttner zu den bezahlten Agenten des Spions Gargas gehörte. Fest steht auch, dass Suttner mit sonstigen spionageverdächtigen Personen in enger Verbindung gestanden hat und dass sogar die Dresdener Polizei ihn gegen Ende 1922 für „als dort spionageverdächtig bekannt“ bezeichnete. Nach seiner Verurteilung wegen unbefugter Führung des Doktortitels durch das Münchner Schöffengericht wurde dem Suttner der Boden hier doch zu heiß, und er schüttelte den bayerischen Staub von seinen Füßen.[27]

Doch einstweilen genug von dieser Zierde des Journalismus, die uns die ach so deutschfreundliche Neue Zürcher Zeitung bescher hat. Da ist noch ein anderer, der war auch gelegentlicher Mitarbeiter der Neuen Zürcher Zeitung, trieb auch zur Kriegszeit in der Schweiz sich herum, fahnenflüchtig wie Suttner, und stammte ebenfalls aus Bayern. Jakob Feldners Wiege stand in Pfarrkirchen. Während der Räterepublik fand er wie das andere Gesindel den Weg nach München. Man hat ihn auch nachher vorübergehend festgenommen, zu seiner Überführung langte es aber nicht. Zu Feldners guten Bekannten zählten Suttner und Grelling, auch der Fechenbach und jener René Payot, den Fechenbach bei einer Zusammenkunft, die Feldner vermittelt hatte, die Erzberger-Denkschrift und das Rittertelegramm aushändigte. Besonders interessant sind auch die engen Beziehungen Feldners zu Professor Dr. Förster, der unter Eisner eine Zeit lang den bayerischen Gesandten in Bern spielen durfte und dessen Rolle während des Krieges und der Revolution unserm Empfinden nach noch dringend der Klärung bedürftig wäre. Denn der Umgang des Herrn Förster drängt gewisse Schlüsse gerade auf.

Unter den Leuten, die während der Räterepublik im Regina Palasthotel ihre Zelte aufgeschlagen hatten, befand sich auch ein gewisser Hocheneder, der illegitime Sohn einer Münchner Metzgerstochter – die Vaterschaft war anscheinend von mehreren abgelehnt – Hocheneder selbst nennt einen durch seine spiritistischen Studien bekannten Münchner Arzt seinen Vater. Dieser Hocheneder, der seine Bildung von Ustrich bezog, brachte sich im Kriege nach Holland in Sicherheit, wo sich der Drückeberger den Namen de Holmard zulegte und von wo er, wie seine gleichgesinnten Freunde von der Schweiz aus, mit dem Anarchisten Goldberg[28] zusammen gegen Deutschland arbeitete und in einer revolutionären Zeitschrift „Der Sturm“ die Kriegsschuld Deutschlands propagierte. Es besteht auch kein Zweifel, dass er im englischen Propagandadienste tätig war und mit englischen Agenten gute Fühlung hatte. Von der deutschen Polizei wurde er tatsächlich als englischer Spion gesucht. Die Novemberrevolution ließ auch Hocheneder Morgenluft wittern. Bescheiden, wie diese Spezies von Menschen ist, richtete er an Eisner zunächst die Bitte, ihm den Posten eines deutschen Gesandten im Haag zu verschaffen. Als es damit nichts war, machte sich de Holmard im Dezember 1918 selber nach München auf, wo er dann zur Zeit der Räterepublik gleichfalls dem engeren Kreis der Verbrecher, Narren und Syphilitiker angehörte, der vom Wittelsbacher Palais aus drei Wochen lang aus München und einigen andern Teilen Bayerns ein Tollhaus machte. Als der Spuk vorüber war, an dem sich der Sprössling der Metzgerstochter anscheinend im Presseausschuss und im Propagandaausschuss der Frau Rubiner alias Friedjung beteiligte, verließ der vorsichtige Herr de Holmard am 2. Mai auf Schusters Rappen und mit einem der von den Rätegewaltigen bei der Polizeidirektion erpressten gefälschten Pässe versehen das inzwischen für derartige Existenzen ungastlich gewordene Wünsche und wandte sich wieder nach Holland. Aber auch in diesem Lande der Freiheit gefiel es ihm nicht lange mehr, nachdem auch dort die Polizei sich einige Zeit liebevoll seiner angenommen hatte. Und so hatte seine Vaterstadt schon bald das Glück, ihn wieder in ihren Mauern zu sehen. Er brachte nun auch noch eine Dame mit, die bei den holländischen Polizeibehörden als bolschewistische Zwischenträgerin bekannt war und die er dann zu seiner Frau machte, nur um sie, wie er selbst seinem Freunde Grelling erklärte, vor der Münchner Polizei zu schützen. Wenn nicht schon aus dem Gesagtem zur Genüge hervorginge, wes’ Geistes Kind dieser Hocheneder war und ist, sowürde die Auswahl der Persönlichkeiten seines engeren Freundeskreises hinreichend darüber Aufschluss geben. Da stand und steht wohl noch an erster Stelle der bekannte Verfasser des niederträchtigen Buches „J’accuse“, der Mann, der als Deutscher schon im Kriege vom sichern Port der Schweiz aus die Anklage der Schuld am Kriege gegen sein Vaterland schleuderte: Dr. Grelling. Dieser sowohl wie Hocheneder selbst sind wieder intim befreundet mit dem Ehepaar Mühsam. Auch mit Albert Winter, dem früheren Redakteur der unabhängigen „Morgenpost“, hat Hocheneder Verbindung. Die Ellen Karin, die in dringendem Verdacht steht, mit Ententemitgliedern konspiriert zu haben, ist dem Hocheneder gleichfalls keine Unbekannte. Es scheint sogar, dass von Hocheneder selbst direkte Fäden zu englischen Vertretern in Deutschland laufen, worauf die Tatsache schließen lässt, dass er beispielsweise Briefe vom englischen Generalkonsulat in München empfangen hat. Wirtschaftlich scheint sich der Herr de Holmar in recht guten Verhältnissen zu befinden, denn nach der Erklärung seiner Mutter ist er vermögend und auf keinen Verdienst angewiesen. Als Suttner und Hocheneder nach dem Fiasko der Räterepublik die Flucht aus München ergriffen hatten, trafen sie sich in Konstanz, und damals führte Hocheneder englische und amerikanische Wertpapiere mit sich, die in Sicherheit, das heißt in’s Ausland zu bringen seine Absicht und sein Bestreben war. Und von diesen Leuten – den Suttner, Feldner, Hocheneder, Fechenbach, Lembke usw. – ist das Ausland in den letzten Jahren über Bayern unterrichtet worden, wird es wahrscheinlich – soweit den Herrschaften nicht inzwischen die polizeiliche Fürsorge zuteil geworden ist, die sie verdienen – auch heute noch. Da kann man sich die Meinung des Auslandes über Bayern leicht vorstellen.

Der Letzte, von dem wir heute reden möchten, ist zugleich der Gefährlichste von allen. Er hat sich immer weit vom Schuss gehalten, der Herr Dr. Grelling, in der Schweiz und in Italien, und nur während der Räterepublik ist er auf ein kurzes Gastspiel in München erschienen.  Dieser Schuft hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, sein deutsches Vaterland durch die Propaganda der Kriegsschuldlüge zu vernichten. Dafür kämpft und streitet er mit einem Eifer und einem Fanatismus, die einer besseren Sache würdig wären. Seine schöne Seele enthüllt der Mann einmal in einem Briefe, in dem er u. a. von dem „armen gefangenen und gequälten“ Mühsam spricht und dann fortfährt:

„Diese Märtyrer haben wenigstens das Glück, noch jung zu sein, und damit die Hoffnung, später einmal in einem wirklich neuen Deutschland statt der jetzigen Dornenkrone Lorbeeren zu ernten. Schlimmer ergeht es mir, der ich – als erster und einziger Deutscher neben Liebknecht – die Wahrheit in die Welt geschrieben, den Sturz der Hohenzollern und die Republik gefordert habe und heute mit ansehen muss, wie alle Mitbewerber und Mitläufer Wilhelms in der Republik, die wir gefordert und mit unsagbaren persönlichen Opfern vorbereitet haben, obenauf schwimmen. Die Ebert, Scheidemann, die Zentrumsleute, die sogenannten Demokraten, ein verschlimmerter Aufguss der früheren Nationalliberalen, kurz die ganze Bagage, die hinter dem Triumphwagen Wilhelms länger als vier Jahre hinterher getroddelt und stets den Mantel nach dem Winde gerichtet hatte. Ich und andere Mitstreiter aus der Kriegszeit – wir alle, die wir als republikanische Gruppe von der Schweiz aus die Revolution auf der Grundlage der Kriegsschuld gepredigt und vorbereitet haben – wir alle sind mattgesetzt, in Deutschland verpönt, gezwungen, schon um unser Leben zu sichern, im Auslande zu leben. Und wir Alten haben nicht einmal die Aussicht, noch bessere Zeiten zu erleben.“

Für die Erkenntnis der Zusammenhänge und, um das Bild vollständig zu machen, muss noch erwähnt werden, dass Dr. Grelling auch in Korrespondenz stand mit dem Paralytiker Dr. Lipp, der ebenfalls in der Rätezeit vorübergehend eine Rolle gespielt hat und nun in Eglfing seine Tage hinbringt. Dr. Lipp hatte seinerzeit in Ulm ein Wochenblatt gegründet, für das Grelling ihm seine Mitarbeit zugesagt hatte. „Er druckte zunächst einen von mir im „Sozialist“ Breitscheids erschienenen Artikel auf meine Anregung ab“, sagt Grelling in einem Briefe. Also auch Herr Breitscheid war, wie man hier sieht, in dieser edlen Genossenschaft.“

Der in diesem Artikel erwähnte Professor Förster – dass er an der Universität München zu einer Professur kam, hatte er und hatten wir bezeichnender Weise dem Zentrum zu verdanken – war ein Pazifist vom reinsten Wasser[29]. Vielleicht war er dafür hinaus noch mehr. Zu mir auf mein Redaktionsbüro kam einmal – wenn ich mich recht erinnere, war es bald nach dem Kriegsende 1918 – eine Frau, die mit Professor Förster in ein und demselben Hause gewohnt hatte, und erzählte mir von sehr merkwürdigen Beobachtungen, die sie während des Krieges gemacht hatte. Professor Förster habe in dem Hause neben seiner Wohnung im ersten Stock noch besondere Räume im dritten Stock gemietet gehabt. Des Öfteren seien während des Krieges Ausländer zu ihm gekommen, und mit diesen sei er dann immer in die Räume im dritten Stock gegangen und habe dort meist länger mit ihnen verhandelt. Dass es Ausländer gewesen, habe sie aus der fremden Sprache, in der sie auf der Treppe sich miteinander verständigt hätten, geschlossen. Welche Sprache es gewesen, konnte die Frau nicht angeben, da sie, wie sie sagte, keiner fremden Sprache mächtig sei. Jedenfalls aber ist dieser geheimnisvolle Verkehr eines so fanatischen Pazifisten und Antimilitaristen, wie Professor Förster einer war mit Ausländern, die er nicht in seiner Wohnung, sondern in abgesonderten Räumen empfing, mitten in einem Krieg, in dem Deutschland gegen eine ganze Welt stand, im höchsten Grade verdächtigt.

Kahr

Ich bin mir der Schwierigkeit der Behandlung dieses Themas sehr wohl bewusst, aber ich müsste es mir selbst als Feigheit auslegen, wenn ich ihr ausweichen wollte. Denn ich bin durch meinen Beruf mit diesem Manne und seinem politischen Auftreten so viel in Berührung gekommen, dass meine Lebenserinnerungen unvollständig wären, wenn eine mir wohl bekannte Persönlichkeit wie Kahr, der in überaus Schwierigen und schicksalhaften Jahren der politischen Geschichte Bayerns seine besondere Rolle zu spielen bestimmt war und die schließlich einen so tragischen Tod fand, darin übergangen würde. Ich bin nicht so unbescheiden, den Anspruch erheben zu wollen, dass meine Beurteilung der Person Kahrs und seines politischen Handelns als unbedingt zutreffend angesehen werden müsste, ich will mit meiner Ansicht nur einen Beitrag liefern, der vielleicht einmal dem Geschichtsschreiber bei seiner schweren Aufgabe, diesem in der Geschichte einstweilen noch überaus stark schwankenden Charakterbilde festere Umrisse zu geben, dienlich und willkommen sein könnte.

Der erste Fehler, der mit Kahr, nicht von ihm oder wenigstens nur soweit von ihm, als seine Zustimmung in Frage kam, begangen wurde, war der, dass man diesen korrekten und vorzüglichen Beamten, der die den meisten unserer guten alten Beamten anhaftende Eigenschaft des Bürokratismus nach meinem Dafürhalten mehr als im Durchschnittsmaß besaß, in einer politisch wildbewegten Zeit und in einem von Parteien und Interessentenhaufen zerklüfteten Staate zu bayerischen Ministerpräsidenten machte. Der Fehler fällte zur Last der Bayerischen Volkspartei, die damals selbst nicht den Mut aufbrachte, als stärkste Partei des Landes auch selbst die volle Verantwortung durch Bestellung eines ihrer Parteiführer zum Ministerpräsidenten zu übernehmen. Der Protestant Kahr mochte ja wohl eingeschriebenes Mitglied der Bayerischen Volkspartei sein, – wie lange vor seiner Ministerpräsidentschaft er es schon war, wäre dabei noch zu untersuchen – aber zu sagen hatte er in der Partei sicher nichts. Er war nur eine in der Verlegenheit vorgeschobene Figur, ein Platzhalter, den man nach Gegebenheit und Bedarf wieder entfernen konnte.

Solange Kahr als Ministerpräsident seines Amtes waltete, ging die Sache auch noch ganz leidlich. Der Ministerpräsident und Innenminister Kahr fühlte sich nicht als Politiker, sondern als Beamter und tat als solcher seine Pflicht, wie er sie früher als Regierungspräsident von Oberbayern getan. Schlimm wurde es erst, als in den immer kritischer werdenden Zeiten die normale Beamtenregierungsmaschine zu versagen drohte und man (das heißt die Regierungsparteien, vor allem die Bayerische Volkspartei) es für notwendig hielt, die gesamte Staatsgewalt in die Hände eines einzigen Mannes zu legen und als man auch hierfür wieder Herrn v. Kahr als Generalstaatskommissar ausersah. Denn der gute Herr v. Kahr war alles andere bloß kein Diktator, den er jetzt spielen sollte. Als mein Chefredakteur und Kollege Schiedt[30] sich damals bereden ließ, ehrenamtlich den Posten eines Pressechefs und Presseberaters bei dem neugebackenen Diktator zu übernehmen, da habe ich ihn davor gewarnt, indem ich ihm vorstellte, dass Herr v. Kahr zwar ein ausgezeichneter Beamter, aber ganz und gar kein Diktator, sondern ein Bürokrat wäre, der an der ihm gestellten und an sich schon fast unmöglichen Aufgabe bestimmt scheitern würde. Schiedt glaubte indes an Kahr als Diktator und übernahm das wenig dankbare Amt. Er hat auch wenig genug Freude daran erlebt.

Ich selbst hatte persönlich mit Herrn v. Kahr zum ersten Male zu tun, als in der zweiten Hälfte des Jahres 1920 die Frage der Schaffung eines staatlichen Presserates aktuell wurde. Da man an den zuständigen amtlichen Stellen dieser Materie einigermaßen fremd gegenüberstand, wandte man sich hilfesuchend an den Landesverband der Bayerischen Presse, die Organisation der bayerischen Redakteure. Man wünschte ein Gutachten darüber, was nach Ansicht der Verbandleitung ein solches Presseamt eigentlich sollte, mit anderen Worten, welche Aufgaben ihm zu stellen seien, wie es aufgebaut werden müsse etc. Der Gedanke, ein Presseamt für Bayern zu errichten, – anderweitig waren staatliche und kommunale Presseämter schon in Tätigkeit – war bereits im Jahre 1919 unter dem Ministerium Hoffmann einmal aufgetaucht, von diesem aber wieder fallen gelassen worden. Das neue Ministerium Kahr ging die Sache ernsthafter an. Nachdem man die von uns eingeholte Meinung in Form einer Denkschrift in Händen und durch ein Ausschreiben sich Bewerbungen verschafft hatte, setzte man uns, den Landesverband der Bayerischen Presse, erneut in Bewegung, diesmal um eine gutachtliche Äußerung über die Brauchbarkeit der Bewerber zu erhalten. Ich sah mich daraufhin veranlasst, bevor ich meinen Verbandsausschuss  offiziell mit der Angelegenheit befasste, als Vorsitzender des Verbandes an den für die Sache zuständigen Beamten des Ministeriums des Äußern, Ministerialdirektor Frhn. v. Lutz, folgendes Schreiben zu richten:

München 25. November 1920

An das Staatsministerium des Äußern
z.H. des Herrn Ministerialdirektors Frhn. v. Lutz

Das Verzeichnis der Bewerber um die amtliche Pressestelle beim Staatsministerium des Äußern mit dem Begleitschreiben Eu. Hochwohlgeboren ist in unsern Einlauf gelangt. Es dürfte sich vielleicht empfehlen, dem geschäftsführenden Ausschuss des Landesverbandes der Bayerischen Presse, bevor er sich mit dieser Angelegenheit befasst, noch weitere Unterlagen für die gewünschte gutachtliche Äußerung nach der Richtung einer Fixierung der Vorbedingungen zu geben, deren Erfüllung durch die auszuwählenden Bewerber das Ministerium seinerseits für notwendig oder doch wünschenswert erachtet hat z. B. in Bezug auf die Gebürtigkeit und Staatsangehörigkeit, Vorbildung, Alter etc. Dadurch würde sich unsere gutachtliche Tätigkeit vielleicht wesentlich erleichtern.

Sie wird auch dann noch ziemlich schwierig sein. Denn, wie schon eine flüchtige Durchsicht des Bewerberverzeichnisses lehrt, hat sich hier genau das ergeben, was wir seinerzeit schon dem Herrn Staatssekretär Sänger bei den Verhandlungen über den gleichen Gegenstand in sichere Aussicht gestellt haben. Es haben sich um die Stellen zumal um die leitende, auf die es ja vor allem ankommt, fast nur Leute beworben, die augenblicklich ohne Stellung sind oder in Stellung sich befinden, die ihnen einen Wechsel angezeigt erscheinen lassen. Von unsern praktischen Zeitungsleuten in besseren und sicheren Stellungen findet man so gut wie keinen in diesem Verzeichnis. „Die sich bewerben, werden sich nicht eignen, und die sich eignen, werden sich nicht bewerben“, sagten wir damals schon dem Herrn Staatssekretär, genau so ist es gekommen und musste es kommen. Die Gründe liegen auf der Hand. Es wird Niemand aus einer guten und verhältnismäßig sicheren Stellung in der Presse herausgehen, um bei den heutigen unsicheren politischen Verhältnissen eine Staatsstellung auf zweijährigen Dienstvertrag anzunehmen. Auf dem Wege der freien Bewerbung bekommt der Staat den Mann, den er braucht, überhaupt nicht. Das wäre bei einem kurzfristigen Dienstvertrag nur möglich durch direkte Verhandlungen mit einem geeigneten Mann und durch Verhandlungen mit dessen Verlag, damit dieser ihm das Rücktrittsrecht in seine Dienste einräumt.

Der ergebenst Unterfertige[31] erlaubt sich diese Darlegungen in der Annahme, dass dem Staate und der mit der Angelegenheit befassten Behörde damit vielleicht gedient sein könnte, und weil der geschäftsführende Ausschuss des Landesverbandes der Bayerischen Presse in seinem offiziellen Gutachten auf diese Sache vielleicht nicht wird eingehen können.

Das Ministerium hatte uns gleichzeitig mit dem Ersuchen um gutachtliche Äußerung aufgefordert, auch unsererseits geeignet erscheinende Persönlichkeiten für die Stelle des Leiters des Presseamtes zu benennen. So wurde dann in der darauffolgende Sitzung unseres Ausschusses, in der über den Inhalt unseres Gutachtens beraten wurde, beschlossen, mit diesem dem Ministerium auch die Namen von sechs Journalisten und Landesverbandsmitgliedern zu unterbreiten. An der Spitze dieser Liste figurierte mein eigener Name. Natürlich hatte ich mich bei der Beschlussfassung darüber der Mitwirkung und Abstimmung enthalten. Der diese Benennungen betreffende, unserm zweiten Gutachten eingefügte Passus lautete:

„Diese Herren – soweit sie Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses des Landesverbandes der Bayerischen Presse sind, ist ihre Benennung selbstverständlich ohne ihr Zutun durch die übrigen Mitglieder des Ausschusses erfolgt – macht der Ausschuss namhaft, ohne irgendwie vorher mit ihnen in Verbindung getreten zu sein. Es ist ihm daher auch nicht bekannt, ob und unter welchen Bedingungen der eine oder andere dieser Herren vielleicht bereit wäre, das Amt zu übernehmen. Es wäre also Sache der Staatsregierung, mit ihnen deswegen in Verbindung zu treten. Aus der Tatsache, dass keiner dieser Herren um das Amt sich beworben hat, geht ja allerdings schon ohne Weiteres hervor, dass es ihnen unter den augenblicklichen Verhältnissen und Bedingungen nicht erstrebenswert erscheinen dürfte. Die Gründe sind wohl hauptsächlich in der mangelnden Sicherung der Stellung zu suchen. Man wird nicht erwarten dürfen, dass Jemand aus einer verhältnismäßig guten und sicheren Stellung in der Presse, wo seine Arbeit und sein Können entsprechende Bewertung finden, herausgeht, um bei den heutigen unsicheren politischen Zuständen eine Staatsstellung auf zweijährigen Dienstvertrag anzunehmen und das bei der nicht allzu großen Zahl der für sie in Betracht kommenden gehobenen Stellungen in der bayerischen Presse erschwerte Risiko einzugehen, nach Ablauf dieses Dienstvertrages oder, wenn ein Umschwung in den politischen Machtverhältnissen eintritt, wieder Stellung im Beruf suchen zu müssen.

Wir dürfen schließlich noch auf das Schreiben verweisen, welches unser Vorsitzender unter dem 25. November an Herrn Ministerialdirektor Frhn. v. Lutz gerichtet hat und mit dessen Inhalt sich der Ausschuss durchaus einverstanden erklärt.“

Kurze Zeit nachdem unsere gutachtliche Äußerung an das Ministerium gelangt war, hörte ich vertraulich aus dem Munde zweier Kabinettsmitglieder, der Ministerrat hätte beschlossen, die Stelle des Leiters des neuen Presseamtes zuerst mir anzubieten. Die beiden Herren ließen auch durchblicken, dass dieser Ministerratsbeschluss nicht einstimmig zustande gekommen wäre und dass die der Bayerischen Volkspartei angehörigen Kabinettsmitglieder, soweit sie zugestimmt, dies nicht gerade mit Begeisterung getan hätten. Einige Tage später wurde ich zu Herrn V. Kahr gebeten, der mit der Ausführung des Ministerratsbeschlusses beauftragt worden war. In der dreiviertelstündigen Unterredung, die ich bei dieser Gelegenheit mit ihm hatte, taute der sonst so verschlossene und vorsichtige Mann zu meiner Überraschung ungewöhnlich stark auf. Seines Auftrages entledigte er sich in der Weise, dass er mir Mitteilung von dem Ministerratsbeschluss machte und die Frage an mich richtete, ob ich bereit wäre, auf dieses Anerbieten einzugehen. Seiner Frage fügte er jedoch, bevor ich zu einer Antwort ausholen konnte, hinzu, er hätte von einer Äußerung meinerseits gehört, dass ich nicht daran dächte, das Anerbieten anzunehmen, da mir die Bezahlung der Stelle zu gering wäre. Woher er diese Wissenschaft hätte, darüber schwieg er sich aus. Ich erklärte ihm, es sei richtig, dass ich nicht beabsichtige, den für mich ja sehr ehrenvollen Antrag anzunehmen, nicht richtig dagegen sei, dass meine Ablehnung ihren Grund darin habe, dass mir die Bezahlung der Stelle zu gering sei. Meine Gründe seien andere. Ich hätte eine größere Familie, und meine Verantwortung für sie erlaube mir nicht, derartige Experimente zu machen und aus einer verhältnismäßig sicheren Stellung in eine doch mehr oder minder unsichere zu gehen. Denn die Minister kämen und gingen, und ob ein anderes Ministerium meine Dienste ebenfalls wünschen würde, wäre höchst ungewiss. Auch hätte ich lebhafte Zweifel, ob es mir in dieser Stellung gelänge, gegen den mit Sicherheit zu erwartenden Widerstand der Beamtenbürokratie aufzukommen, was doch, wenn ich mein Amt richtig ausfüllen solle, unbedingt notwendig wäre. Die Beamtenbürokratie würde bestimmt das Eindringen eines Nichtbeamten in ihren Bereich als unbequem und störend empfinden. Bei diesen meinen Ausführungen wurde Kahr sehr lebendig, indem er mich mit der Bemerkung unterbrach, dass er in diesem Falle doch auch noch da wäre und schon dafür sorgen würde, dass solche bürokratische Widerstände beseitigt würden. Am liebsten hätte ich ihm gesagt, dass ich ihn selbst auch nur für einen Bürokraten anzusehen vermöchte und deshalb wenig Vertrauen zu seinen Zusicherungen hätte, gedacht habe ich es mir sehr lebhaft, und ich war auch überzeugt von der Richtigkeit meiner Gedanken und bin es heute noch.

Übrigens ergab der weitere Verlauf unseres Gesprächs, dass Herr v. Kahr im Grunde genommen froh war über meine ablehnende Haltung gegenüber dem Antrag des Ministerrates und gewissermaßen auf meine Ablehnung schon gewartet und sie mit Bestimmtheit erwartet hatte. Ganz aufgeräumt meinte er, er könne meinen Standpunkt sehr wohl verstehen und wisse die Gründe, die mich dabei leiteten, durchaus zu würdigen. Dann schweifte er zu meiner Verwunderung plötzlich auf rein persönliche und familiäre Angelegenheiten ab, erkundigte sich nach meinen Familienverhältnissen, um weiterhin auf seine einzugehen und mir umständlich und ausführlich von seinen Töchtern zu erzählen. Die Unterhaltung hatte nun schon über eine halbe Stunde gewährt, und Kahr traf noch immer keine Anstalten, sie zu beenden. Ich hatte die Empfindung, dass ihm noch etwas auf dem Herzen lag, was herunter sollte, und als ich meinerseits Miene zum Aufbruch machte, kam er denn auch richtig damit heraus. „Apropos“, sprang er ziemlich unvermittelt, aber sich den Anschein gebend, als ob das, was er jetzt zu berühren im Begriffe war, eigentlich nebensächlich wäre, auf den neuen Gegenstand über. „Es ist da noch eine neue Bewertung aufgetaucht, bezüglich deren es mir zu wissen von Wert wäre, wie Sie darüber denken. Es handelt sich um einen Herrn Dr. Eisele, der früher Vertreter der Kölnischen Volkszeitung in Berlin und zuletzt deren Vertreter in Wien war.“ Nachdem ich den Namen gehört, der mir natürlich nicht unbekannt war, begann ich Hintergründe und Zusammenhänge zu ahnen, und ich begriff auch, was Herr v. Kahr von mir hören wollte. Ich hatte aber ganz und gar keine Lust, mich privat und persönlich und noch weniger in meiner Eigenschaft als Landesverbandsvorsitzender für Parteizwecke einspannen und missbrauchen zu lassen. Sagte Herrn v. Kahr daher kühl abweisend, dass mir der Herr nur dem Namen nach bekannt sei und dass ich infolgedessen auch nicht in der Lage wäre, irgendein fachliches Urteil über ihn abzugeben. Machte den Herrn Ministerpräsidenten ferner darauf aufmerksam, dass der Name des Herrn Dr. Eisele ja merkwürdigerweise gar nicht auf der uns zur Begutachtung zugeleiteten Bewerberliste gestanden hätte und dass deshalb auch der Landesverbandsausschuss nicht in die Lage gekommen wäre, sich über ihn zu äußern. Herr v. Kahr suchte das damit zu erklären, dass die Bewerbung erst nachträglich eingegangen wäre, und stimmte dann in ganz auffälliger Weise allerdings mit dem rückendeckenden Zusatz „wie er höre“ ein überschwängliches Loblied auf die Qualitäten des Herrn Dr. Eisele an offenbar in dem Bestreben, doch noch so etwas wie Zustimmung aus mir herauszulocken. Als das erfolglos blieb, versiegte unser Gespräch, und ich empfahl mich.

Es dauerte nicht lange, da war Herr Dr. Eisele Leiter der amtlichen Pressestelle. Man hatte nun auf einmal auch ohne unsere gutachtlichen Zustimmung den passenden Mann gefunden. Der Landtag hatte seinerzeit bei Genehmigung der Mittel für die Stelle ausdrücklich verlangt, dass die Besetzung im Einvernehmen und in engster Fühlung mit den Berufsorganisationen der Presse erfolgen solle, und der Ministerpräsident v. Kahr hatte zugesichert, dass die Besetzung im Einvernehmen mit dem Landesverband der Bayerischen Presse geschehen würde.

Um diesem Verlangen und dieser Zusicherung wenigstens äußerlich und formell zu entsprechen, hat man den Landesverband der Bayerischen Presse zu einer unwürdigen Komödie missbraucht, hat man ihm eine Liste von Bewerbern vorgelegt, von denen man ganz genau wusste, dass keiner in Betracht kommen könnte, hat uns (den Landesverband der Bayerischen Presse) aufgefordert, selbst uns geeignet erscheinende Leute vorzuschlagen, hat dann aber von den sechs Herren, die wir nannten, nur einen einzigen, von dem man wieder genau wusste, dass er nicht annehmen würde (das war ich selbst) befragt und hat dann endlich, unter vollständiger Umgehung der übrigen fünf von uns Genannten, den schon längst ausersehenen Mann vor die Rampe geschoben. Dass dieser Mann, nämlich Herr Dr. Eisele, längst für den Posten bestimmt war, hat er – ich weiß nicht recht, wollte er sich, wie man auf gut Altbayerisch sagt, derblecken[32], oder war es Eitelkeit und Naivität – im Frühjahr 1922 bei der Rückfahrt vom alpenländischen Journalistentag in Linz, an dem wir beide teilgenommen hatten, mir selbst bestätigt. Anscheinend ganz harmlos erzählte er, Herr Dr. Schweyer, der damalige Staatssekretär und spätere Innenminister, ein Bundesbruder des Herrn Dr. Eisele – beide waren Aenanen[33] –, sei schon bald nach der Bildung des ersten Ministeriums Kahr (März 1920) an ihn herangetreten und habe ihm gesagt: Diese Sache (das Presseamt) musst Du machen! Das war also lange bevor man daran dachte, den Landesverband der Bayerischen Presse gutachtlich zu bemühen. Das Letztere geschah nur zum Schein, um dem Verlangen des Landtages formell zu genügen. Da wir das Theater, das man mit uns gespielt, schon bald und jedenfalls lange, bevor Herr Dr. Eisele so gütig war, es mir ausdrücklich zu bestätigen, erkannt hatten, richteten wir Ende 1921 eine Eingabe an den Landtag, in der wir unsere Meinung unmissverständlich zum Ausdruck brachten. Wir wussten natürlich, dass wir praktisch damit an der Sache nichts mehr zu ändern vermochten, es lag uns aber daran, dem Landtag, der Regierung und vor allem der Bayerischen Volkspartei zu zeigen, dass sie uns nicht für so blöde halten dürfen, als hätten wir ihre durchsichtigen Manöver nicht durchschaut. Es war uns auch von Wert, dass der Kollege Städele als Abgeordneter unsere Meinung, wie wir sie in der Eingabe niedergelegt, auch im Finanzausschuss  des Landtages deutlich zu Gehör brachte und dass dadurch auch eine weitere Öffentlichkeit davon erfuhr.

Ganz dieselbe Hinterhältigkeit Seitens der Bayerischen Volkspartei und der ihr hörigen bayerischen Regierung mussten wir d. h. die Berufsorganisation der Presse später noch ein zweites Mal erleben, als es sich um die Gründung eines zeitungswissenschaftlichen Institutes und die Schaffung eines Lehrstuhles für Zeitungswissenschaften an der Universität München handelte. Ich komme auf diesen Fall bei anderer Gelegenheit zu sprechen.

Als die kommunistischen Wühlereien an allen Ecken und Enden Deutschlands immer wieder Gefahrenherde schufen und dazu die Wogen der Inflation immer höher gingen und alles zu verschlingen drohten, da fehlte es auf der anderen Seite auch nicht an Plänen und Versuchen, dem dräuenden Unheil zu begegnen. Besonders in Bayern, das am Frühesten von der kommunistischen Gefahr sich freigemacht hatte und ihr keinen Spielraum mehr gewährte. Hier führte das, als im Jahre 1923 die Lage wieder bedenklich wurde, zur Bestellung des Herrn v. Kahr zum Generalstaatskommissar mit ziemlich weitgehenden diktatorischen Vollmachten. Darüber hinaus wurden auch Pläne geschmiedet, wie man dem noch ganz von Linkstendenzen beherrschten Reiche helfen könnte. Natürlich wusste Jeder ein anderes Allheilmittel, und statt sich zu konzentrieren und durch Geschlossenheit etwas zu erreichen, gründete man, wie das in Deutschland damals so üblich war, eine Menge von Organisationen (Orgesch, Ordnungsblock, Bürgerrat etc.), die das angepriesene Allheilmittel zur Anwendung bringen sollten. Die bayerische Einwohnerwehr, die ein gutes Abwehrmittel gegen bolschewistischen Marxismus gewesen war, hatte die Entente schon bald wieder zerschlagen, und die Reichsregierung hatte dagegen keinen ernsthaften Widerstand geleistet, weil ihr diese bayerische Einwohnerwehr als reaktionär verdächtigt erschien. In Bayern war 1923 auch die Hitler-Bewegung, wenn auch noch klein und regional beschränkt, doch bereits durch ihre innere Stärke zu einem politisch nicht unbeachtlichen Faktor geworden.

Herr v. Kahr als Diktator schien dieser Bewegung anfänglich nicht unfreundlich gegenüberzustehen, und Hitler selbst nahm das offenbar auch an. Etwa Ende Oktober oder in den ersten Tagen des November 1923 fand sich nach meiner Erinnerung in einem der Konferenzzimmer des Hotels Union[34] an der Barerstraße ein Kreis politisch interessierter Männer – es mochten etwa 20 bis 25 Herren gewesen sein – zusammen, um zu beratschlagen, was geschehen könnte, um die unerfreulichen Verhältnisse im Reiche zu ändern. Damals stand u. a. der Gedanke eines Direktoriums auf der Tagesordnung. Auch Hitler befand sich unter den Konferenzteilnehmern, doch griff er, soviel ich mich entsinne (ich war nämlich auch dabei), nicht in die Debatte ein, sondern beschränkte sich auf die Rolle eines aufmerksamen Beobachters. Einige Herren, die aus norddeutschen Industriegegenden erschienen waren, brachten ihre Bedenken vor, indem sie dartaten, dass sie im Norden namentlich in den Industriegegenden überall von starken marxistischen Elementen umgeben seien und sich nicht rühren könnten. Wenn etwas getan werden sollte, müsse es von Bayern aus geschehen. Ich weiß nicht mehr, ob Kahr der mitanwesend war, sich an der Aussprache beteiligte, aber dessen erinnere ich mich, dass ich damals schon das Gefühl hatte (und dieses Gefühl habe ich heute noch), dass Kahr durch diese Erklärung der norddeutschen Herren stutzig wurde. Er sagte sich offenbar – es ist nicht ausgeschlossen, dass Kahr selbst oder einer der anwesenden bayerischen Herren es damals schon sagte und dass mein Gefühl bzw. meine Erinnerung daher stammt: Wenn die Dinge so liegen, dass Norddeutschland in eine Aktion zu seiner Befreiung selbst nicht aktiv eingreifen kann oder will und wenn Bayern allein diesen Versuch unternehmen und damit auch das ganze, nicht geringe Risiko tragen soll, dann scheint mir das nicht ungünstig. Das war, so glaube ich, der Punkt, an dem die Wege Kahrs und Hitlers sich trennten. Hitler war entschlossen, das Wagnis zu unternehmen, und hat es dann ja auch tatsächlich unternommen. Er hat aber später selbst ganz offen zugegeben, dass es verfrüht und deshalb zur Erfolglosigkeit verurteilt war. Das schließliche Ergebnis wäre wohl auch kaum ein anderes gewesen, wenn Kahr mitgemacht hätte, nur wäre wahrscheinlich noch viel mehr Blut geflossen. Andererseits wäre freilich, was vielleicht das Wichtigste ist, Hitler, wie fast mit Sicherheit anzunehmen ist, wohl nicht mehr in die Lage gekommen, sein Werk von Neuem zu beginnen. Es ist mir nicht bekannt, ob der ungewöhnlich verschlossene Kahr jemals Jemanden gegenüber über die Motive seiner Entschlüsse vom 9. November 1923 eingehender geäußert hat. Wenn es der Fall gewesen sein sollte, wäre die Feststellung geschichtlich wertvoll. Ich, wie gesagt, habe die Überzeugung, dass es so gewesen, wie ich es eben als möglich und wahrscheinlich dargestellt habe. Man darf nicht vergessen, dass Kahr als Beamter der alten Schule, für den ein einmal geschworner Eid Eid blieb, Monarchist und Anhänger des Hauses Wittelsbach war, dass ihm also die Fortexistenz Bayerns als Bundesstaat am Herzen liegen müsste. Dass die Existenz des Bundesstaates Bayern aber durch das Unternehmen vom 9. November 1923 auf’s Spiel gesetzt und im höchsten Grade gefährdet war, bedarf keines Beweises. Die damalige Reichsregierung hätte die Gelegenheit, Bayern verschwinden zu lassen, sicher gerne ergriffen.

Und nun zu dem historischen Abend im Bürgerbräukeller[35]! Ich darf darüber schreiben, denn ich war selber dort und habe ihn von Anfang bis Ende miterlebt. Die offiziellen Veranstalter des Abends waren die früheren Einwohnerwehrkreise unter Führung des Geheimen Kommerzienrates Zentz, und der Zweck war, eine programmatische Kundgebung des Diktators Kahr zu hören, die er übrigens – auch das ist charakteristisch für den „Diktator“ Kahr – gar nicht selbst verfasst hatte. Als ich etwa eine halbe Stunde vor dem offiziellen Beginn zur Stelle war, waren Saal und Galerie bereits zum Bersten voll. Mir war bei diesem Anblick nicht recht geheuer, und ich wurde die Empfindung nicht los, dass dieser Abend wohl nicht so ganz harmlos verlaufen würde.  Einigermaßen frappiert war ich, als kurz vor Beginn der Versammlung noch vier Mitglieder des unter dem Generalstaatskommissariat zur Bedeutungslosigkeit verurteilten Ministeriums erschienen. Es waren das die Minister v. Knilling, Schweyer, Gürtner[36] und Wutzhofer. Als sie an mir – ich saß unmittelbar vor dem Podium – im Gänsemarsch vorbeikamen, dachte ich unwillkürlich bei mir: wenn ich Minister wäre, wäre ich heute nicht in diese Versammlung gegangen, und als sie nach einigen Stunden wieder im Gänsemarsch – diesmal als Verhaftete – vorbeispazierten, sagte ich mir: Dies Empfinden war doch richtig.

Die Versammlung nahm also ihren Anfang. Der Einberufer Zentz eröffnete sie und gab alsbald dem Diktator Kahr das Wort. Der stieg mit seinem Manuskript bzw. dem seines Pressechefs auf das Podium und begann die Kundgebung zu verlesen. Er kam damit indes nicht sehr weit. Schon nach wenigen Sätzen machte sich hinten am Haupteingang des Saales eine starke Unruhe bemerkbar (weil Hitlerleute dort Maschinengewehre aufzupflanzen im Begriff waren), und plötzlich stürmte ein Mann (es war Adolf Hitler) herein, eilte auf das Podium zu, schwang sich hinauf und schoss, um sich gegen die nun allgemein gewordene Unruhe im Saale durchzusetzen und Gehör zu verschaffen ein paar Mal mit einer Pistole gegen die Decke des Saales. Die Haltung der Versammlung gegenüber dieser Überraschung schien mir einigermaßen zwiespältig zu sein. Ein Teil war offenbar wirklich überrascht und wusste sich keinen Vers auf die Sache zu machen, ein anderer, vielleicht der größere Teil hatte wohl schon etwas läuten hören und stand daher den Ereignissen weniger unvorbereitet gegenüber. Kahr bleich bis in die Lippen, hatte seine Vorlesung unterbrochen, und es spielte sich nun die bekannte Komödie zwischen ihm, Oberst v. Seißer, General v. Lossow[37] und Hitler ab. Während der Verhandlungen dieser Herren, die sich in einem Nebenzimmer abspielten, –  die Versammlung war unterbrochen, aber Niemand durfte den Saal verlassen – erschien auch noch der General Ludendorff auf der Bildfläche, der nachher als Angeklagter im Prozess von nichts gewusst haben und sozusagen wie der Pontius in’s Credo gekommen sein wollte. Ich selbst machte mir meinem journalistischen Gewissen folgend fleißig stenografische Notizen, war mir dabei aber keineswegs klar darüber, was ich aus den ganzen Vorgängen nun eigentlich machen sollte. Schließlich schien die Sache äußerlich vollkommen in’s Lot gebracht, sie schien es freilich nur, und ich kam bei mir nicht über die Frage in’s Reine: Ist das von Hitler zum Schluss als Ergebnis seiner Absprache mit Kahr, Seißer, Lossow und Ludendorff Verkündete nun eine ernstzunehmende Tatsache oder wurde hier nur Theater gespielt.

Nachdem die vier verhaftete Minister an mir vorbei wieder hinausmarschiert waren und die Versammlung sich aufzulösen begann, schickte auch ich mich an, durch den scheinbar einzig passierbaren hinteren Ausgang zu verschwinden. Da hörte ich plötzlich, wie von dorther Jemand rief: Die Herren der Presse möchten sich melden. Während ich überlegte, ob ich dieser Einladung Folge leisten sollte, wozu ich wenig Lust hatte, sah ich, wie an der Seitenwand des Saales nach dem Garten zu einer Tür sich öffnete und Leute durch diese abzogen. Schnell sagte ich mir, wo die hinauskönnen, kannst Du auch hinaus, und in wenigen Augenblicken stand ich auch schon im Garten. Hier sah ich weiter, wie die Leute sich in einzelnen Kolonnen ordneten und zum Abmarsch bereit machten. Jedesmal wenn eine Kolonne marschfertig war, wurde das Tor geöffnet und im Gleichschritt zogen sie ab. Da es im Garten reichlich dunkel war und Gesichter kaum zu erkennen waren, konnte es keine besonderen Schwierigkeiten machen, mich als letzten Mann an eine Kolonne anzuhängen und mit hinaus zu marschieren. Das ging auch glänzend. In einer halben Minute stand ich auf der Straße, wo ich mich dann leise verlor. Langsam wanderte ich stadteinwärts überall in Marsch befindlichen uniformierten und bewaffneten Trupps begegnend. Andauernd und immer wieder ließ ich mir Gedanken durch den Kopf gehen, was ich als Journalist und Politiker mit dem, was ich an diesem Abend erlebte, anfangen könnte und sollte. Ich kam zu keinem richtigen Ergebnis und Entschluss: Wenn ich soweit war, dass ich glaubte mir sagen zu können: so ist es, dann regte sich sofort innerer Widerspruch, der vernehmlich sagte: so kann es nicht sein.

Als ich am Morgen in die Redaktion kam, nahm ich mir zunächst einmal das Referat vor, das unser Berichterstatter über den Abend vorgelegt hatte. Er hatte brav und bieder alles, was geschehen war, als bare Münze genommen und in diesem Sinne einen durchaus objektiven und sachlichen Bericht erstellt. Dann kamen die Morgenblätter, die „Neuesten Nachrichten“ und der „Bayerische Kurier“, die alles in gleichem Lichte sahen. Ich ließ unseren Bericht also einmal in Satz gehen. Die Zeit verging. Unser Chefredakteur Schiedt, auf den wir mit Schmerzen warteten, weil er doch schließlich die letzte Entscheidung zu treffen hatte, erschien nicht. Alle Versuche, ihn telefonisch zu erreichen, blieben erfolglos, und da ich sein Stellvertreter war, kam die Reihe nun an mich. Es war wahrhaftig keine leichte und einfache Situation. Da, gegen halb zehn Uhr morgens kommt ein telefonischer Anruf, der den Chefredakteur, in diesem Falle also mich, verlangt. Es meldet sich der Oberst Panzer von der Landespolizei und sagt: „Ich möchte Sie nur darauf aufmerksam machen, dass die Dinge nicht ganz so liegen, wie sie sich gestern Abend dargestellten und wie auch die Morgenblätter sie noch erscheinen ließen. Es ist allerhand im Gange. Seien Sie also vorsichtig.“ Nun gab ich Order, dass zunächst einmal gestoppt und abgewartet werden sollte. Das geschah. Endlich nach zehn Uhr tauchte unser Schiedt auf, der als Pressechef Kahrs mit diesem die Nacht in der Kaserne des 19. Infanterie-Regiments zugebracht hatte. Nun konnte er das Kommando übernehmen. Ich neidete es ihm nicht. Er brachte bereits die Proklamation Kahrs mit, die dann in der Münchener Zeitung zuerst erschien. Auch wurde der Bericht über den Abend im Bürgerbräukeller der neuen Sachlage entsprechend zurechtgefeilt. Und kaum war die Münchener Zeitung dann heraus, da fielen auch schon jene Schüsse an der Feldherrnhalle, die Hitler und seine Leute zu Märtyrern stempelten und so ihre Sache nur förderten umso mehr, als man im weiteren Verlauf der Dinge nicht mehr wagte, energisch gegen den nationalsozialistischen Terrorismus vorzugehen. Nachher im Hochverratsprozess gegen Hitler und Genossen war das Auftreten Kahrs, der natürlich als einer der Hauptzeugen figurierte, auch nichtsweniger als das eines Diktators. Aus dem Holze war der gute Mann eben wirklich nicht geschnitzt. Er kehrte bald wieder in das Gebiet zurück, das er am Besten nie verlassen hätte, nämlich in die Beamtenlaufbahn. Als Präsident des Verwaltungsgerichtshofes war er jedenfalls weit mehr am Platze  als in der Diktatorrolle.

Ein seltener Zufall wollte es, dass ich Kahr ausgerechnet am Tage seines Todes, deutlicher gesagt seiner Ermordung, am 30. Juni 1934 zum letzten Mal treffen musste und ein längeres Gespräch mit ihm hatte. Es war um die Mittagsstunde, und ich kam – es war ein Samstag und der letzte Tag meines Urlaubs – gerade von einem Spaziergang im Nymphenburger Park und begegnete Kahr an der Straßenbahnhaltestelle Neuhausen. Auf meine Frage, was ihn in unsere Gegend herausgeführt hätte, antwortete er, dass er seinen in der Ruffinistraße wohnenden Schwiegersohn und seine Tochter besucht habe und nun zum Mittagessen nach Hause fahre. Wir sprachen dann noch einige Zeit über dies und jenes. U. a. erzählte mir Kahr, dass er in Unterwössen im Chiemgau, wohin er als Pensionist übergesiedelt sei, in unerhörter Weise durch einen SA-Trupp koramiert[38] worden sei. Obwohl der dortige Bürgermeister ihm auf die ausdrücklich vor der Übersiedlung gestellte Frage, ob er dort vor Belästigungen auch sicher wäre, geantwortet hätte, dass er sich, ohne verunglimpft oder belästigt zu werden, frei in der Gegend bewegen könnte, sei es ihm sehr bald auf einem Spaziergang passiert, dass der Führer eines ihm begegnenden SA-Trupps, als er, seiner ansichtig geworden, ihn erkannte, rasch „Kehrt Euch!“ und dann „Ausspucken!“ kommandierte, ein Kommando, dem auch unverzüglich in drastischer Weise Folge geleistet worden sei. Auf diesen Vorgang hin sei er dann wieder nach München zurückgekehrt.

Schließlich verabschiedeten wir uns mit dem bei solchen Gelegenheiten üblichen „Auf Wiedersehen!“ Ich sollte ihn aber nicht wiedersehen. Gegen Abend desselben Tages scheint er noch einmal, wohl in der Befürchtung, dass ihm nachgestellt würde, von seiner Wohnung fortgegangen zu sein und bei seiner Tochter Zuflucht gesucht zu haben. Und hier hat ihn dann, wie ich am anderen Morgen erfuhr, auch sein Schicksal ereilt. Ein Bekannter, der auch in der Ruffinistraße wohnte und Zeuge des Vorgangs war, teilte es mir mit. Vier SS-Männer haben Kahr aus der Wohnung seines Schwiegersohnes herausgeholt und ihn dann erschlagen. Von der nationalsozialistischen Führung wurde später behauptet, die Persönlichkeiten der Täter hätten sich nicht mehr feststellen lassen. Ein Student, der damals noch bei der SS war und später im Kriege als Soldat gefallen ist, hat in meiner Gegenwart am Tage nach der Tat erzählt, dass er mit einem der vier an der Tat beteiligten SS-Leute über die Sache gesprochen habe. Gar so schwierig wäre also die Feststellung der Mörder, wenn man sie überhaupt gewollt hätte, wohl kaum gewesen.[39] [40]

Was sonst noch in dieser Periode meiner journalistischen Tätigkeit für die Münchener Zeitung, der ich 19 Jahre lang bis Ende 1936 dienen zu dürfen das Glück hatte, an Bemerkenswertem sich ereignete, findet der Leser in verschiedenen anderen Kapiteln zerstreut, in denen es logischerweise seinen Platz finden musste. Nach 16 Jahren in schweren Zeiten geleisteten Dienstes an der Münchener Zeitung durfte ich 1933 hier eine außerordentliche und freudige Genugtuung erleben durch eine in ihrer Art seltene Würdigung dieses meines Schaffens nicht nur, sondern auch meines Wirkens für die Berufskollegen im Allgemeinen. Der Artikel, den der Chefredakteur der Münchener Zeitung, mein lieber längst dahingegangener Kollege Schiedt, mir aus Anlass meines sechzigsten Geburtstages in der Zeitung widmete, atmet einen Geist, der weit entfernt ist von dem bei derartigen Gelegenheiten sonst üblichen konventionellen Phrasengeklingel. Aus ihm spricht solche Herzenswärme, solche Ehrlichkeit der Gesinnung, solch wahrhafte Erkenntnis des Geleisteten und eine so aufrichtige Dankbarkeit dafür, dass ich es mit Rücksicht darauf nicht unterlassen möchte, dieses klassische Dokument menschlich anständiger und vornehmer Berufsauffassung und neidlos kollegialer Anerkennung und Würdigung des von anderen Vollbrachten hier im Wortlaut wiederzugeben: Cajetan Freund 60 Jahre alt

Ein Mann der Pflicht, des Fleißes und der Kollegialität wird morgen, am 4. Juni, 60 Jahre alt. Seit vielen Jahren ist er der innenpolitische Redakteur der Münchener Zeitung, wie er vorher noch länger zuerst politischer Redakteur und später Chefredakteur der Augsburger Abendzeitung war, bis der Druck eines lauwarmen Kriegskanzler ihn als zu national von seinem Posten schob. Es gab eben auch früher schon Opfer ihrer nationalen Gesinnung. Drei Redaktionsstellungen hat er in seinem Arbeitsleben innegehabt, in Frankfurt a. M. am „Intelligenzblatt“, den späteren „Frankfurter Nachrichten“, die so manche Kräfte an München abgaben, in Augsburg und in München. Aber sein Lebensweg ging von bäuerlicher Umgebung im Chiemgau aus, und das gab seinem Charakter und seiner Lebensauffassung die bestimmende Note des Glaubens und der Treue. Sie klingt durch sein Studium und sein Schaffen und sein Familienleben, sie hat ihm Schwierigkeiten gemacht, aber auch die Haltung gegeben, die ihm die Achtung der Umwelt errang. Die Münchener Zeitung dankt ihm für sein zuverlässiges Schaffen, das der ganzen Redaktion ein Vorbild ist.

Diese treue Redaktionsarbeit war aber nur ein Teil, man könnte sagen die Voraussetzung einer in’s Große und Weite reichenden Wirksamkeit. Er ist der Mitbegründer des Reichsverbandes der deutschen Presse, dessen stellvertretender Vorsitzender er heute[41] noch ist, wie er es viele Jahre war. Lange Jahre hat er den Vorsitz im Landesverband der Bayerischen Presse[42] geführt und auch bis zum heutigen Tage den Vorsitz der Redakteurabteilung in der Arbeitsgemeinschaft der Bayerischen Presse. In diesen Aufgaben steckt eine gewaltige Summe von Mühe und Arbeit, von Enttäuschung und Ärger, aber auch von Erfolg und Befriedigung. Nur ein Mann, dem das Wort Kollegialität einen Gefühlsinhalt hat, konnte sie leisten. Er hat zum großen Teil die Organisation des redaktionellen Teils der Presse mitaufgebaut, er hat um die Tarife gekämpft, nie ohne Bedacht, nie ohne Rücksicht auf die Wohlfahrt der Zeitungen als Glieder der freien Wirtschaft, er hat die Versorgungsanstalt mitgeschaffen, er war der Berater der stellungslosen oder bedrängten Kollegen, er hat für die Witwen und Waisen gesorgt und war unermüdlich in seinen freien Stunden bis in die Nacht für sein Ehrenamt tätig, das ihm nicht einmal immer Anerkennung brachte. Aber das alles kümmerte ihn nicht, denn er dachte immer nur an sein Werk, an die Stärkung und Hebung seines Standes in materieller, geistiger und sittlicher Hinsicht. Dafür ihm zu danken, ist der eigentliche Zweck dieser Zeilen. Möge ihm noch ein langes, gesegnetes Leben zuteil werden.   A.S.

Der Landesverband der Bayerischen Presse, der sich im Juni 1933 bereits der Gleichschaltung erfreute, hat mir zu meinem 60. Geburtstag die Ehrenmitgliedschaft verliehen und eine Ehrengabe überreichen lassen. Der Beschluss zu dieser Ehrung war allerdings noch vom alten Verband vor der Gleichschaltung gefasst worden. Der dem Verband inzwischen aufgezwungene Nazi-Vorsitzende[43] wollte aber offenbar eine schöne Geste machen und den vornehmen Mann spielen, indem er die von dem alten Verband gewünschte und beschlossene Ehrung auch an dem unterdessen abgesetzten Vorsitzenden, der ja nicht weniger als 18 Jahre das Amt geführt, zu vollziehen sich aufraffte. Wie wenig ernst aber diese Ehrenmitgliedschaftsverleihung gemeint war, ist klar aus der Tatsache zu ersehen, dass man, als ich nach meiner auf Verlangen der Partei[44] erfolgten Pensionierung meine Fortführung als Verbandsmitglied unter Zahlung eines ermäßigten Beitrages beantragte, dies glatt ablehnte, mich, das „Ehrenmitglied“ also an die Luft setzte. Nun, ich hab’s getragen. Es war lange nicht das Schlimmste, was mir passierte.

[1] Die Münchener Zeitung als Teil des Huck Konzerns bestand von 1898 bis 1945. Nachfolger ist der Münchner Merkur (http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45865#16 )

[2] Im Zuge der Gleichschaltung wurde die Zeitung 1933 auf NS – Kurs gebracht. Siehe hierzu http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45865#20

[3] Damit ist die Presse nach 1945 gemeint. Über das Lizenzierungsverfahren kontrollierten die Alliierten die Pressepolitik in Deutschland, um NS-Einflüsse zu verhindern.

[4] Die Diskussion um „Arbeitsdienst“ flammt auch in der aktuellen Diskussion immer mal wieder auf. Zum Beispiel im CDU/CSU Programm 2009-2013 wenn es etwa heißt: „“In dem neuen Schwerpunkt der Grundsicherung für Arbeitsuchende muss das Bemühen um Qualifizierung und Vermittlung sein. Wir wollen in der Grundsicherung für Arbeitsuchende die Anreize zur Arbeit durch die Neuordnung der Hinzuverdienstregelungen sowie eine konsequente Missbrauchsbekämpfung verstärken. Die Grundsicherung für Arbeitsuchende soll grundsätzlich mit einer Gegenleistung verbunden sein.”  http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/cdu-arbeitsdienst-fuer-hartz-iv-empfaenger4377.php . Oder wenn etwa der CDU Politiker Friedrich Merz einen „Pflicht-Arbeitsdienst für Harz IV Empfänger“ forderte. Man sollte aber auch davon absehen, solchen modernen Populismus unmittelbar mit dem NS-System des „Reichsarbeitsdienstes“, einer besondrs brutalen Form von Zwangsausbeutung des Menschen durch den Menschen zu vergleichen.

[5] Eine gleichnamige Schule gibt es auch heute noch (http://www.gsg.musin.de/wb/pages/schule.php )

[6] Das Restaurant wird in einem Online – Beitrag des Guide Michelin 2012 noch erwähnt. In einem Portrait des Sterne-Kochs Wilfried Zumkeller, der u.a. in dem Lokal lernte.

[7] Bayer. ungefähr „Jetzt muss mal endlich Schluss mit dem Scheiß sein“.

[8] Mühsam, Anarchist (also durchaus kein „Bolschewist“), lehnte als solcher die bestehende Gesellschafts- und Werteordnung radikal ab (Nihilist, lat. Nihil, Nichts).

[9] Möglicherweise ist der Journalist und Reiseschriftsteller gemeint (1885-1945). Im Original von CF „Roß“ geschrieben, gilt als Namensschreibung „unverbesserlicher Deutschtümler. (u.a. siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Colin_Ross )

[10] Ludendorff war ein extremistisch-fanatischer Gegner der Weimarer Republik, der sich bereits am Kapp-Putsch 1920 beteiligt hatte und der federführend im November 1923 an einem Putschversuch mit Adolf Hitler gegen die bayerische Landesregierung beteiligt war. Beide Putschversuche scheiterten, aber man Ludendorff durchaus als „Notorischen“ bezeichnen.

[11] Vermutlich ist General Max Hofmann gemeint. Wenn H. gemeint war, dann in Unkenntnis dessen, dass H. überraschend Ende November in Osnabrück verstarb (https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Hofmann_%28General%29 )

1 Anm. bei CF (im Original): Auers Schwiegersohn ist der zweite Ministerpräsident Bayerns in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, Dr. Högner, der ebenfalls Sozialdemokrat ist und schon in der sog. Systemzeit Abgeordneter war und es auch jetzt wieder ist.

[12] Nach dem tödlichen Anschlag auf Eisner am 21.2.19 auf dem Weg zum bay. Landtag, wo er seinen Rücktritt erklären wollte, kam es im Landtag zu Tumulten, in dessen Verlauf Erhard Auer von Alois Lindner (ein Linker) schwer verletzt wurde. An diesem Tag starben ausserdem Major Paul Ritter von Jahreiß und der konservative Abgeordnete Alois Osel (https://de.wikipedia.org/wiki/Erhard_Auer ).

[13] „Zentralrat der bayerischen Republik“, übernahm kurzzeitig die provisorische Regierungsgewalt nach der Ermordung Eislers.

[14] Biografisches aus Hanns Eislers Leben lässt diese Annahme eher unwahrscheinlich erscheinen. In dieser Zeit befand sich Eisler in Wien (https://de.wikipedia.org/wiki/Hanns_Eisler ).

[15] Leviné, Eugen, eigentlich Nissen-Berg (siehe http://de.metapedia.org/wiki/Liste_j%C3%BCdischer_Pers%C3%B6nlichkeiten_%28a-m%29), wurde nach der blutigen Zerschlagung der Münchner Räterepublik hingerichtet. Von ihm sollen die berühmten Worte „Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub“ stammen.

[16] Siehe hierzu: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44645

[17] Der Prozess wegen Landesverrates gegen den Journalisten Fechenbach im November 1918 wird auch als „Deutsche Dreyfus-Affäre“ bezeichnet. Unter falschen Anschuldigungen vor einem französischen Kriegsgericht war Dreyfus wegen angeblichem Landesverrat verurteilt. Der Justizirrtum erschütterte Frankreich. Dreyfus wurde einige Jahre später vollständig rehabilitiert. Fechenbach, zu 11 Jahren Festungshaft verurteilt, wurde nach zwei Jahren und vier Monaten vorzeitig aus der Haft entlassen.

[18] Gerhart Pohl in der „Weltbühne“ (Nachdruck der Ausgabe 1978, 20. Jg. 1924, S. 598): „Der deutsche Reichstag, …, schloss sich der Meinung bedeutender Sachverständiger wie Kitzinger, Friedrich Thimme, A, Freymuth an und entschied, dass Fechenbach zu Unrecht und zu revidieren sei.“ Arnold Freymuth war juristischer Autor, studierte Rechtswissenschaften und engagierter Menschenrechtsaktivist. Friedrich Thimme war bürgerlich-konservativer Protestant, jedoch kein Feind der Weimarer Republik, Linksliberaler Demokrat (studierte Geschichte und Staatswissenschaften).

[19] Vermutlich ist Dr. Alfred Brüstlein gemeint (https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Br%C3%BCstlein )

[20] Johannes Timm https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Timm

[21] Vermutlich Gustav Klingelhöfer (https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Klingelh%C3%B6fer )

[22] Dieses berühmte Hotel wurde 1974 geschlossen. Der „Herbstball“ aber bekannter noch, der „Medizinerball“ etwa waren überörtlich bekannte Ereignisse.

[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Levin%C3%A9

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Levien

[25] Diese Einschätzung ist durchaus interessant, weil etwa der 2014 anlässlich des 100 jährigen Ausbruchs des Ersten Weltkrieges erschienene Artikel „Warum wir auf Deutschlands Seite standen“ (Thomas Maissen), dies nicht vermuten lässt.

[26] Die Situation der Schweiz beschreibt https://de.wikipedia.org/wiki/Schweiz_im_Ersten_Weltkrieg. Naheliegend, dass sich die NZZ ihrer Zeit an der offiziellen Position der Schweiz (Erhalt der Neutralität) orientierte.

[27] Anm. SL, die von CF an mehreren Stellen angemahnte journalistische Sorgfalt scheint hier völlig mit ihm durchzugehen und die Schuldzuweisungen doch eher ideologisch bedingt zu sein.

[28] Vermutlich Filareto Kavernido (Heinrich Goldberg) ist gemeint https://de.wikipedia.org/wiki/Filareto_Kavernido

[29] Vermutlich Förster, Friedrich Wilhelm, https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_Foerster#Leben

[30] Münchener Zeitung, Chefredakteur von 1918 bis 1933

[31] Veraltet für: „Unterzeichnende“

[32] Bayer.: Verspotten

[33] Gemeint ist der KDStV Aenania München, eine katholische Studentenverbindung

[34] Das Hotel war ein beliebter Veranstaltungsort im Herzen Münchens. So sprach etwa Erika Mann im Januar 32 auf Einladung der Frauenrechtlerin Constanze Hallgarten auf einer Großveranstaltung im Hotel Union die zwar von SA-Barbaren gestört, aber durch den Einsatz starker Polizeikräfte durchgeführt werden konnte. Die Opernsängerin Anna Henneberg eröffnete 1915 ihre Münchner Kammeroper (nicht zu verwechseln mit der Gründung aus dem Jahre 2003).

[35] Stichwort für den Hitler-Ludendorff-Putschversuch 1923

[36] Vermutlich Gürtner, Franz (https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_G%C3%BCrtner ), der im August 1922 von der deutschnationalen bayer. Mittelpartei zum bayer. Justizminister ernannt worden war und zwischen 1932 bis zu seinem Tod 1941 als Reichsjustizminister amtierte.

[37] Lossow verweigerte kurz darauf das von Reichswehrminister Otto Geßler geforderte Verbot des Nazi-Organs „Völkischer Beobachter“ durch zu setzen.

[38] Meint: Beleidigt, angegriffen … worden sei.

[39] Die Verschleppung Kahrs erfolgte im Zuge des sog. „Röhm-Putsches“. Kahr wurde im KZ Dachau von SS-Leuten auf Befehl des Kommandanten des KZ, Theodor Eicke, schwer misshandelt und anschließend vermutlich vom Oberaufseher des „Bunkers“ Johann Kantschuster erschossen.

[40] Zu erwähnen ist noch, dass in die Amtszeit Kahrs die Außer Kraftsetzung des Republikschutz-Gesetzes, das Verbot linker Zeitungen und Organisationen und als Antisemitische Tat, die Ausweisung jüdischer Einwohner, sogenannter Ostjuden (die vor mehreren Jahrzehnten eingewandert waren), fällt.

[41] Ab 1926, bis heute meint 1933

[42] Seit 1915

[43] Gemeint ist Dietrich, Otto, einer der Hauptkonkurrenten Goebbels. Dietrich zeichnete sich durch einige schwere Fehler aus. Vor der versammelten Weltpresse erklärte er im vollen Nazi-Überschwang, den Sieg über die Sowjetunion am 9. Oktober 1941. Tatsächlich konnte die Hitlerarmee vor Moskau entscheidend geschlagen werden. Im Wilhelmstraßen-Prozess wurde D. zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt, und die Nachwelt staunt, bereits 1950 vom High Commissioner McCloy begnadigt. Unterschlupf fand dieser NS-Hassprediger in seinem späteren Leben wohldotiert bei der Deutschen Kraftverkehrsgesellschaft (gegründet 1934, Düsseldorf).

[44] Gemeint ist die Nazi-Partei NSDAP